Archiv für Dezember, 2007

«

Was bitte…

6. Dezember 2007 Keine Kommentare

…möchte uns die Bildsprache des Kurier Aufmachers von heute suggerieren? Steht die Assoziation zum Bild in – irgendeinem – Zusammenhang mit dem Thema? Oder steht sie mittlerweile als (auflagensteigerndes) Symbol für europäische Angst schlechthin?

Verteidigung

4. Dezember 2007 3 Kommentare

Christoph Chorherr klagt an und ich frage mich daher einfach mal, wie sich in der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit bis zur Kyoto “Deadline” eine politisch glaubwürdige Verteidigung aufziehen liesse.

Wir lernen doch aus den Medien, dass Österreich mit “Pönalen” in Milliardenhöhe zu rechnen habe, wenn wir die Kyoto-Ziele verfehlen. Das “Verfehlen” bedeutet aber in diesem Kontext lediglich, dass wir die Einsparungen nicht im eigenen Land erreichen, und daher in Folge gezwungen werden, woanders “Gutes” zu tun: indem wir CO2-Emissionen senkende Projekte finanzieren.

Ich liesse mir als Verteidiger daher ein hochseriöses Gutachten der besten uns zur Verfügung stehenden Ökonomen und Klimaexperten anfertigen, aus dem sich ergeben würde, dass wir genau genommen schon immer zwei Möglichkeiten hatten, ambitionierte CO2 Einsparungsziele zu “erreichen” – eine mit weniger Einsparungspotential pro Euro und eine mit mehr. Mein Gutachten ergäbe dann in etwa folgendes Bild:

1. Indem x Mrd Euro Aufträge an Unternehmen vergeben werden, die die Energie-Effizienz der eigenen Volkswirtschaft verbessern liesse sich die geforderte Menge N Tonnen an CO2 nachhaltig einsparen.

2. Indem dieselben x Mrd Euro an Aufträgen vergeben werden, die nun aber die Energie-Effizienz fremder Volkswirtschaften verbessern liesse sich eine Menge weit grösser als N Tonnen CO2 einsparen – weil die Energieeffizienz woanders noch weit schlechter ist als bei uns und Einsparungen daher dort bis auf weiteres weit billiger zu erreichen sind.

Für welche Variante sollen wir uns dann entscheiden, wenn die Sorge ums Klima im Vordergrund steht?

Die Politik könnte natürlich die Variante 2 auch dazu nutzen, uns auf die Einsparung der minimal geforderten N Tonnen CO2 im Ausland zu beschränken, dafür aber weit weniger investieren zu müssen als wenn diese Einsparungen im eigenen Land erreicht werden müssten. Praktisch betrachtet wäre entscheidend, welcher Linie (partei-)politisch der Vorzug gegeben wird: Wollen wir ums gleiche Geld CO2-Einsparungs-Weltmeister werden oder wollen wir lieber unser Budget-Gerstl zusammenhalten und die Hausaufgaben gerade mal so in letzter Minute hinkritzeln…

Richtig bleibt in beiden Fällen, dass (derzeit) im Ausland um weniger Geld mehr Einsparung zu erreichen ist. Und die spannendste Frage bleibt daher auch, ob wir an diesem entstehenden Riesen-Markt mit unseren eigenen Leistungen teilnehmen wollen: Soll unser Geld in heimische und europäische Unternehmen investiert werden oder in US-amerikanische und asiatische Klimaschutzspezialisten?

Freilich: Ich rechne weder mit einem Mandat für die Verteidigung, noch würde ich ein solches für diese Angeklagten mit vollem Elan annehmen wollen.

My teachers and me.

3. Dezember 2007 5 Kommentare

Anlässlich der laufenden Bildungsdebatte in Österreich: ein kleines Sittenbild aus einem gymnasialen Klassenzimmer der 1980er Jahre in Wien.

Mein Klassenvorstand und Mathematiklehrer war zunächst Groupier im Casino, bevor er sich entschloss Lehrer zu werden. Beim Roulettetisch zu stehen und die Gewinne zu kalkulieren sei ein Job gewesen, in dem es sich nach seiner eigenen Definition mit relativ geringem Aufwand ein gutes Auskommen erwirtschaften liess. Lehrer zu werden war aber vor allem hinsichtlich der Gestaltungsmöglichkeiten im Bereich “Freizeit” anscheinend noch attraktiver für ihn: Vorbereitung auf die Stunden mit uns gab es bei ihm grundsätzlich nicht, und Schularbeiten wurden immer am Lehrertisch in der Klasse verbessert, während wir uns nach Gutdünken anderweitig beschäftigt haben – mit vielen Dingen, jedenfalls sicher nicht mit Mathematik. Da sein Unterricht eine formal-minimalistische Abhandlung des “Stoffes” war, zerfiel die Klasse hinsichtlich Mathematik einfach in zwei Gruppen: Jene wenigen, die sie quasi “von selbst” verstanden – und jene vielen, die sich das Durchkommen per Nachhilfeunterricht erkaufen mussten. “Gelernt” im eigentlichen Sinn haben wir bei diesem Lehrer gar nichts.

In Deutsch haben wir hauptsächlich aus seltsamen Lesebüchern laut vorgelesen, Rechtschreib- oder Grammatikfehler machte ich seit jeher kaum welche, darüberhinaus “gelernt” – zB in stilistischer Hinsicht – habe ich so gut wie nichts. Als ich mich in der Oberstufe zu einem Literatur-Vertiefungsfach anmelden wollte, gab mir die Lehrerin zu verstehen, das sollte ich besser bleiben lassen, denn sie wollte eigentlich verhindern, dass das Fach zustandekommen könnte – was ihr auch gelang.

Hinsichtlich Englisch fand ich besonders auffallend, dass wir meistens Deutsch gesprochen haben und die Beschäftigung mit der Fremdsprache selbst vorwiegend auf schriftlichen Ausfüllübungen fusste – gelernt habe ich Englisch mittlerweile zwar gut, unmittelbar nach dem Gymnasium waren meine praktischen Fähigkeiten aber in Relation zum zeitlichen Aufwand schlicht und einfach katastrophal.

Geschichte bestand bei uns darin, dass buchstäblich tausende vom Lehrer vor etlichen Dienstjahren in der Stunde handschriftlich geschriebene Folien mit dem “Overhead”-Projektor an die Wand geworfen wurden – wir mussten abschreiben – das Tempo diktierte der Lehrplan – inhaltlich diskutiert oder besprochen wurde so gut wie nichts.

Geographie genossen wir bei einem weitgereisten Single, von dem sich inhaltlich und auch menschlich das eine oder andere lernen liess – er war sicherlich ein Mann, welcher allein deshalb Lehrer wurde, um ausreichend freie Zeiten für seine Fernreisen in alle Welt zu haben – und dennoch einer unserer wenigen Lichtblicke.

Physik war unendlich langweilig. Ich interessierte mich brennend dafür, stellte aber schon bald keine Fragen mehr, weil ich von unserer Lehrerin keinerlei brauchbare Antworten bekam. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass sie rein menschlich betrachtet eigentlich sehr in Ordnung war.

Unser Chemielehrer war ein kurz vor der Pensionierung stehender Maniac, bei dem Begeisterung für das Fach dann spürbar wurde, wenn er kleine Sprengungen vorführen durfte – das war natürlich amüsant für uns – allein, aus welchen chemischen Zusammenhängen heraus es bei ihm regelmässig “Booom” machte wusste keiner von uns so recht.

Mein Musik-”unterricht” sah so aus, dass jede Stunde ein Zettel reihum ging, auf den wir unsere liebsten Hits notieren durften, diese wurden dann in der jeweils folgenden Stunde abgespielt, denn der Lehrer hatte eine riesige Plattensammlung – all das aber nicht etwa zur Auflockerung oder Ergänzung, sondern ausschliesslich und durch viele Jahre hindurch…

Werken durften wir bei einem Haudegen der alten Schule, welcher all jene Werke, die seinen gestrengen Anforderungen nicht genügten vor den Augen der versammelten Klasse im wahrsten Sinn des Wortes physisch zerstörte.

In Turnen bekamen wir immer drei Basketbälle hingeschmissen und sahen den Lehrer regelmässig die ganze Stunde lang nicht weiter. Er musste sich wohl auf seine anderen Fächer vorbereiten.

Hinsichtlich Informatik – als Unterrichtsfach zu meiner Zeit noch in den Kinderschuhen – ist mir besonders lebhaft in Erinnerung, dass wir von einer Dame unterrichtet wurden, die ich aus heutiger Sicht als sozial auffällig bezeichnen würde und die sich besonders dadurch auszeichnete, dass sie auf keinerlei Fragen antwortete, die auf irgendein Fakt Bezug nahmen, das sie bereits ein einziges Mal erwähnt hatte: “Das habe ich bereits gesagt. Hättest Du besser zugehört.” Fragen wurden dann eh kaum mehr gestellt, verstanden wurde aber auch nichts.

Unsere Religionsstunden verbrachten wir zu praktisch 100% damit, unserem Frust über den restlichen Unterricht Ausdruck zu verleihen – der Lehrer war ein feinfühliger Mann und er sah, dass er uns am besten dienen konnte, indem er seine Stunde zu einer Art Gruppentherapie umfunktionierte.

Wir hatten meiner Ansicht eine wirklich nette und engagierte Biologielehrerin. Wir haben viel gelernt bei ihr, bekamen Anschauungsmaterial, durften durch Mikroskope sehen und hatten auch einiges an Spass dabei.

Vielleicht habe ich durch sie und ihren Unterricht auch begriffen, woran es in unserem Schulsystem in allererster Linie krankt. An einem Phänomen nämlich, welches man gemeinhin mit dem Begriff der Negativen Auslese umschreibt. Wer wird bei uns vom Lehrerberuf angezogen und warum? Welche Methoden werden angewandt, um die Eignung festzustellen? Welche Mechanismen gibt es, um schlechte Personalauswahlentscheidungen rasch wieder korrigieren zu können?

Sind meine Erfahrungen “repräsentativ”? Natürlich nicht, sie sind aber eben auch nicht “zufällig”, sondern im Rahmen dessen, was einem Wiener Gymnasiasten an “Losglück” hinsichtlich seiner Lehrer durchaus realistisch so alles blühen kann.

Betonen möchte ich zum Abschluss, dass ich mit diesem kleinen persönlichen Erfahrungsbericht – der in keiner Weise Effekthascherei betreibt oder überzeichnet, sondern leider schlicht und einfach wahr ist – ganz sicher niemanden verletzen möchte, der in unserem Schulbetrieb versucht sein Bestes zu geben. Ich weiss, dass es solche Leute dort gibt…

Ist Mammon schenken schnöde?

1. Dezember 2007 1 Kommentar

Weihnachten naht und in meinem engeren Freundeskreis ist – als Nebenschauplatz zwar, aber doch – ein kleiner Streit entbrannt: “Geldgeschenke find ich oberflächlich und unpersönlich!” lautet eine klare Meinung zum Thema.

Versetzen wir uns mal kurz in die Situation des Beschenkten mit den Scheinchen in der Hand? Was geht uns da durch den Kopf? Wo kann ich das bloss umtauschen? Dieses Problem stellt sich hier wohl weniger, denn wenn es eine Sache gibt, die am leichtesten von allen Sachen “umgetauscht” werden kann, dann ist es wohl zweifellos Geld – das “Umtauschmittel” schlechthin…

Geld bietet für den Beschenkten objektiv unbestreitbare Vorteile: Es ist ein universell verwertbarer Gutschein, bei dem der Schenker die Freiheit des Beschenkten in keiner Weise eingeschränkt hat. Und genau deshalb musste er natürlich auch nicht nachdenken über den Beschenkten, musste keine Arbeit investieren, nur das Börsl zücken und über den Betrag entscheiden – das Problem meines Freundes: “Oberflächlich und unpersönlich!”

Und eins ist auch recht klar: Die Aus-Tauschbarkeit von Geld macht Geldgeschenke unter “Gleichen” (Freunden, Geschwistern) tendentiell absurd: Niemand will unter dem Weihnachtsbaum einen 50 Euro Schein einmal im Kreis gehen lassen…

Andererseits kann ein Geldgeschenk unter “Ungleichen” aber doch auch Ausdruck von Grosszügigkeit, “Teilen-Wollen” oder Respekt vor der Freiheit des Anderen sein. Wenn Eltern ihrer halbwüchsigen Tochter gerne etwas geben wollen und sich eingestehen können, dass sie ihre Interessen und Vorlieben nun eigentlich nicht mehr so recht kennen, dann schenken sie mit Geld auch ein Stück Freiheit – und respektieren, dass die Tochter nun langsam flügge wird…

Dass man mit Geldgeschenken natürlich auch dort für Licht sorgen kann, wo es ohne dieses Licht hauptsächlich dunkel wäre, blieb noch ganz unerwähnt.

Ich plädiere im Zweifel auf Freispruch für Geldschenkende vom Vorwurf der Oberflächlichkeit: Mammon schenken muss nicht immer schnöde sein!