Archiv für März, 2008

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Abstimmen.

30. März 2008

Tom Schaffer berichtet subjektiv und dementsprechend interessant über vorwiegend nationalistisch motivierte Anti EU Aufmärsche in Wien – und wärmt dabei auch die Sache mit dem gesamteuropäischen Referendum auf: ein solches wäre im Gegensatz zu einer Unzahl an nationalen Volksabstimmungen sinnvoll. Nationale Abstimmungen hingegen wären letztlich undemokratisch, weil selbst kleinste Länder den europapolitischen Fortschritt für alle anderen auf ewig blockieren könnten.

Er hat recht mit dieser oft zitierten Analyse – aber vielleicht unrecht zugleich?

Vorweg: ich bin eigentlich ebenfalls aus politischen Gründen gegen nationale Volksabstimmungen, weil ich fürchte, eine von ihnen könnte irgendwo negativ ausgehen. Und weil ich den Reformvertrag in Summe für einen Fortschritt halte, den ich gerne noch zu meinen Lebzeiten realisiert sehen würde. Aber diese sehr einfach gestrickte Begründung wird selten so ausgesprochen, nicht wahr?

Für wenig hilfreich – und auch nicht ganz aufrichtig – halte ich hingegen den Hinweis auf die Möglichkeit eines EU-weiten Referendums, also einer Art “supranationalen Volksabstimmung”. Denn dazu müsste für mich zumindest in diesem Reformvertrag selbst vorgesehen sein, dass es die Möglichkeit einer solchen supranationalen verfassungsgebenden Volksabstimmung, bei der zB eine doppelte Mehrheit der positiv stimmenden Bürger und der positiven stimmenden Staaten den Ausschlag gibt, mit Inkrafttreten dieses Reformvertrags dann auch tatsächlich gäbe. Dann liesse ich mir ja vielleicht einreden, dass man argumentieren könnte: “beim nächsten Mal machen wir das genau so – denn diesmal schaffen wir die Grundlage für echte europäische Demokratie”. Aber: das ist natürlich nicht vorgesehen – und: es wird wohl auch noch lange nicht vorgesehen sein.

Genau das aber – die Möglichkeit von grundlegenden “Verfassungs”-änderungen der Union über die Köpfe einiger Mitgliedsstaaten hinweg, denen dann selbstverständlich die jederzeitige Möglichkeit zum Austritt offensteht, wäre der eigentlich europapolitisch dringend notwendige Schritt an Aufgabe nationaler Souveränität. Erst dieser Schritt – ultimativ legitimiert durch eine letztmalige Veränderung der Union auf “herkömmlichem”, rein nationalem Weg, inkl. diverser nationaler Volksabstimmungen, wäre für mich die eigentliche Sicherstellung der weiteren Reformierbarkeit der Union. Eine gemeinsam abgehaltene supranationale Volksabstimmung zu gewinnen ist vielleicht nicht leicht, aber immer im Bereich des Möglichen.

Die Union aber auf die herkömmliche Art und Weise weiterzuentwickeln wird weiterhin schwieriger werden – die Entwicklung wird auch ganz ohne die “lästigen” nationalen Volksabstimmungen demnächst zum Erliegen kommen. Denn auch wenn dieser Reformvertrag vielleicht doch noch ein letztes Mal durchzudrücken sein wird – der ganze demokratiepolitische Vorgang rund um die “Verfassung”, die nun nicht mehr Verfassung heissen darf, wird bei den Gegnern einen ungeheuren Frust hinterlassen. Und die Bewegung der ob dieser “Demokratie” Frustrierten wird beim nächsten Vertiefungsschritt, wenn die Union dann noch viel mehr Mitglieder haben wird, noch stärker geworden sein. Ganz im Gegensatz zu einer Entwicklung, die direktdemokratisch legitimiert wäre. Denn das Verlieren einer Abstimmung können die Leute viel besser akzeptieren, gerade wenns ihnen ums Ganze geht.

Die Gefahr ist gross: mehr Demokratie als in diesem Vertrag vorgesehen, bekommen wir am Ende nicht mehr. Und zwar deshalb nicht, weil die Kritiker nationaler Volksabstimmungen mehr als nur recht haben: Irgendwann geht einfach gar nichts mehr. Bei reinem Konsensprinzip ist immer irgendwer dagegen. Die Verfassung der USA ist aus genau diesem Grund kaum mehr zu ändern. Und wir müssen sehen: Demokratie ist diese Europäische Union so immer noch keine. Auch mit dem Reformvertrag nicht. Die Tür zur Entwickelbarkeit der Europäischen Union geht möglicherweise zu früh zu. Nämlich lange bevor wir zumindest jenes Ausmass an Demokratie erreicht hätten, das in den USA seit über 200 Jahren selbstverständlich ist…

Und deshalb denke ich manchmal – und eigentlich immer öfter: lasst sie abstimmen. Vermutlich wird es, so wie beim ersten Mal, irgendwo “schiefgehen”. Aber wir würden endlich offen über die Sache zu diskutieren anfangen – und nicht darüber, ob wir vielleicht diskutieren (und dann abstimmen) sollten. Und vielleicht brauchen wir genau diese “Geduld mit dem Volk”, um am Ende des Tages etwas wirklich Gutes in Händen zu halten… oder am Ende des Jahrhunderts… und seis drum, wenn ichs dann wohl sicher nicht mehr erlebe…

Sommer! Mehr Zeit?

29. März 2008

Als am vergangenen Nationalfeiertagswochenende (vom 26. bis 28. Oktober 2007) die Uhren von Sommer- auf Winterzeit umgestellt wurden, brach eine gar dunkle Periode über meine Frau und mich herein. Denn entgegen unseren Hoffnungen, dass die Sprösslinge ihren Gewohnheiten gemäss statt um rund 20 Uhr eigentlich gegen 19 Uhr in die Betten verschwinden müssten, kalkulierte der Biorhytmus der kleinen Erdenbürger etwas anders und beschloss, dass 19 Uhr einfach zu früh sei und man daher unbedingt eine weitere Aktivitätsperiode von rund 2 Stunden anhängen muss.

Die Kinder gehen seitdem also in etwa um 21 Uhr ins Bett – und sind auch beharrlich und bis zum heutigen Tag dabei geblieben.

Entsprechend bange erwarte ich nun also die in der Nacht von heute auf morgen stattfindende Umstellung von Winter- auf Sommerzeit. Wird sich der Biorhytmus der lieben Kleinen an seine damaligen – etwas verwegenen – Kalkulationen erinnern oder wird er am Ende ein Kurzzeitgedächtnis vorschützen und diesmal einfach sagen: OK, 21 Uhr vorher = 22 Uhr nachher. Eigentlich auch ok, oder Papa?

Was Sie garantiert nicht über die Sommerzeit wissen lässt sich übrigens in der Financial Times Deutschland nachlesen – warum man keine Energie damit spart, warum sie auch abgesehen vom individuellen Leid einiger Jungeltern nicht gesund ist und warum die FDP in Deutschland mit ihrem Antrag die Sommerzeit aufs ganze Jahr auszudehnen und die Umstellerei einfach wegzulassen, trotzdem kalt abgeblitzt ist… sie sind uns eben einfach so ans Herz gewachsen, unsere Eulenspiegel-Streiche!

Was heisst eigentlich “reich”?

25. März 2008

In einem meiner früheren Beiträge auf diesem Blog (”Herr Lebemann und Frau Sparefroh.“) habe ich versucht herauszuarbeiten, warum ich den staatlichen Zugriff auf das Vermögen eines Menschen zur Finanzierung seiner Pflege für eine tendentiell ungerechte und bei näherer Betrachtung vermutlich auch die verfassungsrechtlich garantierte Gleichheit vor dem Gesetz verletzende Vorgangsweise halte. Die eigentlich krasse Ungleichbehandlung von zwei hinsichtlich ihres Lebenseinkommens und ihrer Lebensumstände völlig gleich gestellten Menschen bevorzugt denjenigen, der dieses Einkommen sofort komplett verkonsumiert ganz klar gegenüber dem Sparer. Die rechtliche Frage darf aufgeworfen werden, ob hier eine dem Gleichheitsgrundsatz genügende ausreichende “sachliche Differenzierung” gegeben ist. Als politische Minimalforderung ergibt sich für mich aus der Überlegung aber jedenfalls, dass eine allgemeine Finanzierung der Pflege über versicherungs- und/oder steuerbasierte Lösungen zumindest auch die Inhaber kleiner und mittlerer Vermögen umfassen müsste.

Der zugrundeliegende Gedanke hat aber weit über die Pflege hinausgehende Implikationen. Was verstehen wir denn eigentlich darunter, wenn wir sagen, derjenige oder diejenige sei “reich”? Wenn wir arbeiten gehen, um “Geld zu verdienen”, zielt unser Bemühen dann wirklich auf “Geld” ab? Auch wenn uns unsere komplexe gesellschaftliche Realität oftmals beim Erkennen der einfachsten Tatsachen menschlichen Sozialverhaltens im Wege steht, gilt doch ganz sicher immer noch: Geld kann man nicht essen. Und dieser Spruch ist bei weitem nicht nur eine polemisch angehauchte Mahnung für Menschen, die zuviel ihrer Lebensenergie in die Jagd nach dem “schnöden Mammon” investieren – und darüber das eigentliche Leben vernachlässigen. Sondern der Spruch ist doch auch schlicht und einfach grundwahr: das verdiente Geld selbst kann man tatsächlich nicht “essen”, nicht “verbrauchen” oder “konsumieren”, es stellt für sich alleine nämlich keinerlei relevanten Wert dar, sondern erhält seinen Wert für uns erst dadurch, dass wir es in Folge gegen Leistungen eintauschen können, die uns real zugute kommen.

Wenn wir also arbeiten gehen, Leistungen für andere erbringen und dafür Geld erhalten, das wir nicht sofort wieder ausgeben müssen und wollen, dann halten wir nichts anderes als eine Gutschrift in Händen, die genaugenommen folgendes besagt: Du, überfleissiger Arbeiter, bist der Gesellschaft gegenüber in Vorleistung gegangen. Du hast bis jetzt bereits mehr für uns andere geleistet, als Du im Gegenzug an Leistungen in Anspruch genommen hast. Dafür darfst Du zu einem beliebigen späteren Zeitpunkt Dein Guthaben natürlich wieder einlösen. Und zum Beweis dafür, dass das so ist und Deine Vorleistungen auch sicher niemand vergisst, bekommst Du diesen Bestätigungsschein (aka Geldschein) von uns. Wenn Du ihn vorweist, dann wissen wir, dass Du noch was gut hast bei uns.

Anders und kürzer gesagt: Wer hauptsächlich arbeitet und Leistungen erbringt, aber nicht entsprechend verbraucht und konsumiert, wird ganz automatisch “reich” an Gutschriften. Das heisst dann nichts anderes als: er/sie hat bis dato mehr an wirtschaftlichen Realleistungen gegeben als er/sie genommen hat.

Wenn wir über Vermögenssteuern nachdenken, müssen wir meines Erachtens daher immer auch die sich daraus ergebende Frage der Gerechtigkeit und “Gleichheit vor dem Gesetz” stellen: Ist es gerecht, sinnvoll und richtig, von zwei gleich gut “situierten” Menschen, denjenigen zu bevorzugen, der alles sofort verkonsumiert (indem er etwa einen Zweit- und Drittwagen anschafft) und denjenigen zusätzlich zu besteuern, der das nicht tut, sondern sich trotz gutem Einkommen mit bescheidenerem Lebensstil begnügt. Der vielleicht abwartet, was er mit seinem Guthaben später Sinnvolleres tun kann, oder später vielleicht ein neues Unternehmen gründen und Arbeitsplätze schaffen will, oder sein Geld vielleicht gar unter den Armen verteilen will?

Ich denke: nein, das ist eigentlich weder gerecht, noch sinnvoll, noch richtig. Vielmehr ist eine solche Sicht auf das Thema “Reichtum” ein weiterer, wichtiger Fingerzeig in die Richtung, dass wir vermehrt darüber nachdenken müssen das Steuersystem schrittweise auf am Verbrauch anknüpfende Steuern umzustellen. Wenn wir Einnahmen besteuern, ist völlig unklar, was ein Mensch mit dem Geld getan hätte, hätten wir es ihm gelassen. Verlagern wir die Besteuerung hingegen auf den Zeitpunkt des Ausgebens, dann können wir wesentlich sinnvoller differenzieren: Kaufst Du Luxusgüter? Kaufst Du das nächste Auto? Oder verdienst Du zwar gut, kaufst aber dennoch fast nur Nahrungsmittel, weil Du 10 Kinder zu versorgen hast? Sparst Du, um Deinen Lebensabend am Mittelmeerkreuzer verbringen zu können? Oder sparst Du, weil Dir eine geniale Produktidee nicht aus dem Kopf geht und Du sie unbedingt realisiert sehen willst? Nicht wer viel verdient belastet schon dadurch gesellschaftlich finanzierte und bereitgestellte Infrastruktur (Bildung, Gesundheit, Verkehr, Rechtswesen etc), sondern derjenige, der ein hohes Einkommen auch in hohen privaten Konsum umsetzt.

Eine Umstellung auf Verbrauchssteuern hat noch ganz andere Aspekte, auf die ich aber heute nicht eingehen will, bin eh schon wieder zu lang. Ein ander Mal also mehr, nur der Verweis auf die Schriften des deutschen Steuerberaters und Wirtschaftsprüfers Benediktus Hardorp, die mich zu einigen hier entwickelten Gedanken inspiriert haben, sei angebracht und unterstrichen, und eines noch: ich weiss schon – eine solche Debatte geht an den Ärmsten, für die die Frage, ob sie ihr Einkommen gleich verbrauchen oder lieber sparen sollen, gar nicht erst stellt, völlig vorbei. Ihnen und ihrer oft völlig unverschuldeten Situation müssen wir einen Gutteil unserer politischen Aufmerksamkeit widmen. Ich gehöre aber sicher auch nicht zu denjenigen, die meinen, mit dem Pauschalverweis auf die unzureichend gelöste Armutsfrage alle den breiten Mittelstand der Gesellschaft betreffenden (Gerechtigkeits-)Fragen unbeantwortet lassen zu können. Ganz im Gegenteil, ein bissl pathetisch vielleicht, aber wahr ist doch auch: nur wem Gutes und Gerechtes widerfährt, der wird auch selbst gut und gerecht handeln können.

Wo ist der Chef?

18. März 2008

Da ich momentan vor allem anderen einfach nur sprachlos bin – es wird dem einen oder der anderen aufgefallen sein – überlasse ich die Beschreibung des kafkaesken Zustands österreichischer Politik doch einfach mal dem Schizo-Punk des Parlaments:

Wo bin ich hier?
Was tu ich hier?
Keiner ist da
und keiner sagt es mir.
Ich hoffe nur,
das ändert sich bald.
Wo ist der Chef dieser seltsamen Anstalt?

Die Türen versperrt,
die Läden dicht.
Einen Weg nach draußen
gibt es nicht.
Auf allen Schildern steht
“Vorsicht” und “Halt”
Wo ist der Chef dieser seltsamen Anstalt?

Die Räume leer,
die Gänge leer,
wo kommen verdammt
diese Schreie her?
Meine Augen schmerzen,
meine Schläfen sind kalt.
Wo ist der Chef dieser seltsamen Anstalt?

Die Wände sind weiß,
Die Böden sind blank,
warum liege ich hier,
ich bin doch nicht krank.
Nur mein Gesicht sieht
müde aus und alt.
Wo ist der Chef dieser seltsamen Anstalt?

Franz Morak, 1981.

Zappen am Tag der Frau.

9. März 2008

Gestern spätabends, ein nach einer unfassbar chaotischen 80 Stunden Woche vollkommen erschöpfter Familienvater sitzt auf der leeren Wohnzimmer-Couch… also mal sehen: auf 3sat diskutiert die immer grossartige Sandra Meischberger mit durchaus interessanten Gästen über ärztliche Kunstfehler, noja… jetzt eher nicht, auf dem ZDF Dokukanal findet ein “Feldzug gegen ein Tabu” statt, das Tabu ist die “Beschneidung” genannte Genitalverstümmelung junger Mädchen in vor allem Afrika und die diesbezügliche Aufklärungskampagne eine wie ich finde richtige und unterstützenswerte Sache… diese Menschenrechtsorganisation “Target”, die da dahinter steht sieht interessant aus, muss ich mir mal näher ansehen, aber ich bin zu müde dafür… daher kurz hinüber zum ZDF Theaterkanal… cool, da läuft ein Pink Konzert in der Londoner Wembley Arena“I’m not dead” musste ich mir sogar physisch kaufen und steht bei mir im Regal, solange der Titel auf mich zutreffen wird… die Frau ist ein Hammer, und ich mag sie rundherum sehr… aber ganz überzeugt bin ich noch nicht, dass ich mir nicht vielleicht doch etwas noch intellektuelleres reinzieh… Bayern Alpha vielleicht? Hier läuft “Zurück an den Herd kriegen die uns nicht”… eh nicht, wozu auch, wobei ich die engagierten Gewerkschafterinnen die da vor meinen Augen durch deutsche Werkshallen ziehen zu dieser Stunde jetzt auch nicht mehr wirklich verkrafte… aber moment Mal: Boxen im Zweiten! Sandi Tsagouris fügt der Titelverteidigerin im Federgewicht nach WIBF, Ina Menzer, zwar ein schweres Cut über dem rechten Auge zu, diese kann ihren Titel im Hauptkampf dieses ZDF Boxabends aber dennoch erfolgreich und letztlich klar verteidigen… und daher nun doch und endgültig zurück zur guten p!nk

…meine Güte… wenns nach mir ginge könnt man ja eigentlich alle Tage im Jahr zum Tag der Frau ausrufen…