Archiv für Mai, 2008

Ganz offiziell

26. Mai 2008

fordert der Betreiber dieser ausnehmend quotenträchtigen und meinungsmachenden Site die grüne Parlamentspartei auf, wenigstens einmal pro Dekade die Gunst irgendeiner Stunde zu nutzen: der österreichische Boulevard ist sich auf einem für grüne Politik potentiell geeigneten Gebiet einig, wenngleich er es – wie der Strasse eben angemessen – hauptsächlich auf das Prügeln der für sie offenkundig “faulen” Abgeordneten reduziert. Die Krone versucht sich aber auch im etwas relevanteren Terrain, ortet vorsätzlich eingepflegte Lücken in gerade erst beschlossenen Antikorruptionsbestimmungen und hebt explizit und mutmasslich ganz ohne Geld dafür genommen zu haben, hervor, dass die Grünen sich als Einzige gegen die Sonderregelung für Abgeordnete ausgesprochen hatten!

Ich mahne also wiedermal ein grün forciertes und grün durchfinanziertes Volksbegehren gegen Korruption, gegen Freunderl- und Parteibuchwirtschaft, für das beste und lückenloseste Antikorruptionsgesetz Europas und vor allem endlich für eine so transparente Politik- und Parteienfinanzierung ein, dass sogar unsere gardinenlosen schwedischen Freunde die Beine schon beim Gedanken daran gschamig zsammzwicken würden.

Wenn man dieses Thema vollprofessionell durchzieht, kann man
A. auf zwei Millionen Unterschriften aufwärts spekulieren.
B. ein paar der damit verbundenen Lorbeeren einheimsen.
C. Österreich nachhaltig verändern.

Aber was red ich. Nix werdns machen. C. war früher mal aktuell, über B. spricht man in diesen Kreisen nicht und A. traut man sich nicht mehr zu. Und last not least: Was das allein Energie kostet…!

Peinlich und verklemmt.

26. Mai 2008

Peinlich sind Herrn Misik die nun im Vorfeld der EM 2008 immer öfter auf den Strassen Österreichs anzutreffenden rot-weiss-roten Autowimpel. So “richtig aggressiv” macht ihn das “grundlose Ins-Fenster-Geklemme”, so aggressiv, dass er seinen eigenen Wimpel am Ende der dieswöchigen FS Misik Folge (”Patrioten, Idioten?”) mit gutem Grund an den Rand seiner Klobrille klemmen muss.

Ich bin weder Fussballfan noch Autofahrer, aber hat der Mann wirklich keine anderen Sorgen mehr, als sich über kleine, unbedeutende Alltagsfreuden anderer Menschen zu mokieren?

Doch, eine ganz konkrete Sorge hat er: er muss seinen wöchentlichen Beitrag irgendwie anfüllen. Und da seine Wimpelverklemmung für einen Beitrag nicht ganz reicht, leitet er also ganz heiter vom Thema “Dummheit” zum Thema “Wissen” über, und unterlegt die Aussage, dass “Experten nicht immer leicht vom Scharlatan zu unterscheiden” seien mit… na zB Roland Berger, Matthias Horx, Hans-Werner Sinn und Wolfgang Bachmayer. Eh alles eins, eh alles wurscht? Bachmayer schreibt sich übrigens mit “ay”, aber ein (neoliberaler) Meier ist eben ein Meyer, ist ein Maier und bleibt ein Mayer…

Und daher also in Folge zum Drüberstreuen auch noch ein bisschen Kritik am “neoliberalen Wissensmodell”, ein Modell, in dem das “unternehmerische Individuum seine Fertigkeiten und sein Wissen investiert”, ein “utilitaristisches Wissensmodell” in einer “sich googlenden Gesellschaft”. So zitiert er die Macherin des diesjährig in Wien stattgefunden habenden “Blackmarket for useful knowledge and non-knowledge”, Hannah Hurtzig – wenngleich ich auf der diesbezüglichen Website eigentlich andere – und durchwegs spannendere – Themenbezüge finde.

No, und als Obershäubchen ein Marx Zitat. Muss einfach sein. Und kommt ja immer irgendwie ganz gut an, der Mann, der aufgrund der Gnade seines frühen Todes im Gegensatz zu etlichen seiner realsozialistisch mordenden Anhänger auch im 21. Jahrhundert ganz risikofrei zitierfähig geblieben ist.

Hochmoralisch.

20. Mai 2008

Vor ein paar Wochen war ich im Rahmen einer Gesprächsrunde mit Tiefgang mit der Aussage konfrontiert, ich würde “hochmoralisch” argumentieren.

Ohne jetzt auf den konkreten Anlassfall eingehen zu wollen, hat mich die Aussage an sich beschäftigt. Mir ist die Linie ja nicht unbekannt: Die hehre Moral auf der einen Seite, der schwache Mensch auf der anderen. Wenn man “moralisch” argumentiert, wird man schnell auch zum (Moral-)Apostel – denn da kann der normale Mensch ja einfach – und sozusagen klarerweise – nicht mit, da sei er einfach überfordert, und man müsse eben die menschlichen Realitäten sehen.

Um Missverständnissen vorzubeugen, sei an dieser Stelle eingeflochten: von der falsch verstandenen, überkommenen Moral ist hier nicht die Rede, sondern von dem, was wir “eigentlich”, wenn wir entweder ein bisschen nachdenken oder eben auf unser “Gewissen” hören fast alle für “gut” und “richtig” halten.

Und also zurück zu den Realitäten, die bei der Kritik an der “hochmoralischen” Haltung dann meist mitschwingen: moralisch zu handeln sei potentiell auch selbstschädigend, zumindest, wenn es ein gewisses Mass überschreite – da müsse man sozusagen die Balance im Auge behalten, das richtige Mass an Moral finden, damit man nicht nur der “Dumme” sei – und dann “übrig” bleibe.

Aber, was genau ist eigentlich “Moral” in dem hier gemeinten Sinn?

Moral ist nichts anderes als eine nicht jeden Tag neu zu erfindende Verhaltensrichtschnur – sie ist wenn man so will die materialisierte Lebenserfahrung der Vergangenheit. Was für uns selbst – über den einzelnen Tag hinausgedacht – das Beste und daher im doppelten Sinn des Wortes “gut” ist, ist nicht immer so einfach und mit vollem Bewusstsein zu erkennen. In diesem Sinn hat “Moral” daher auch eine genetische/biologische Bedeutung. Unser von der Evolution herausgebildetes “Gewissen” gibt uns in Form von Unbehagen bereitenden Botenstoff-Ausschüttungen Signale dafür, was wir im konkreten Fall tun sollten. Das ist natürlich kein Zufall, sondern die Natur hat sich im übertragenen Sinn des Wortes “natürlich etwas gedacht dabei”: um mittel- und langfristig das für sich selbst Beste und Vorteilhafteste und damit auch aus Sicht der nach Selbsterhaltung strebenden Gene “Vernünftigste” zu tun benötigt das sich selbst für ach so klug haltende menschliche Individuum eben ein wenig Hilfestellung…

Und das ist der Blick auf “Moral” und “Gewissen”, den ich daher anbieten möchte: des Menschen vielleicht rudimentäres, aber doch gegenüber vielen anderen Spezies verbessertes Vermögen, mittel- und langfristige Überlebensvorteile zu erzielen, fusst auf Gewissen und Moral, sie ist eine im wahrsten Sinn des Wortes überlebensnotwendige Ergänzung der reinen Vernunft, die auf dem gegenwärtigen Stand biologischer Entwicklung nur sehr wenige Schritte im Voraus zu kalkulieren imstande ist. “Moral” und “Gewissen” von unserer Gesamtpersönlichkeit abzuspalten und als etwas zu sehen, das irgendwelche Autoritäten von uns haben wollen, ansonsten unserem Fortkommen aber eher abträglich sei, ist eine letztlich unvernünftige und potentiell gefährliche Sache: mit allzu hoher Wahrscheinlichkeit werden wir selbst es sein, die den Schaden solch dummen Handelns davontragen werden.

Ja: wir dürfen und sollten auf unser Gewissen hören. Kein falscher Glaube daran, dass uns das doch “schaden” könnte, sollte uns dabei bremsen. “Hochmoralisch” zu sein lässt sich mit höchst individuellem Nutzen argumentieren. Und: wir wollen doch alle nur das Beste für uns, oder?

Hallowed be thy Name

16. Mai 2008

Ein wichtiges Stück meiner frühen Jugend, aber eigentlich keine Ahnung wieso ich heute wieder mal danach gegriffen habe: unfassbare Gitarrensoli, ein melodisches Riff nach dem anderen, grenzgenial auch die stimmliche Leistung Bruce Dickinsons, man achte nur ein bisschen bewusster auf den Übergang vom langsamen Beginn zum extrem kraftvollen Hauptteil. Metal der 80er Jahre auf höchstem Niveau – und wer sich dadurch musikalisch überfordert fühlt, der möchte sich vielleicht zumindest anhand der Lyrics ein Bild davon machen, dass hier auch inhaltlich Tiefgang geboten wird: es geht um die Gedanken, Reflexionen und letzten Hoffnungen eines Menschen unmittelbar vor dem Weg zum Galgen – ein nach wie vor aktuelles, wenn auch hoffentlich nicht für immer zeitloses Thema…

Im waiting in my cold cell when the bell begins to chime
Reflecting on my past life and it doesnt have much time
Cos at 5 o’clock they take me to the
gallows pole
The sands of time for me are running low

When the priest comes to read me the last rites
I take a look through the bars at the last sights
Of a world that has gone very wrong for me

Can it be theres some sort of error
Hard to stop the surmounting terror
Is it really the end not some crazy dream

Somebody please tell me that Im dreaming
Its not so easy to stop from screaming
But words escape me when I try to speak
Tears they flow but why am I crying
After all I am not afraid of dying
Dont believe that there is never an end

As the guards march me out to the courtyard
Someone calls from a cell God be with you
If theres a God then why has he let me die?

As I walk all my life drifts before me
And though the end is near Im not sorry
Catch my soul cos its willing to fly away

Mark my words please believe my soul lives on
Please dont worry now that I have gone
Ive gone beyond to see the truth

When you know that your time is close at hand
Maybe then youll begin to understand
Life down there is just a strange illusion.

Tja, Iron Maiden, in den guten alten Zeiten: genau Euch hat also ein nostalgisches Metalhead wie ich heute anscheinend gebraucht…

Anmeldung zum System.

1. Mai 2008

Meine 5jährige, meine Frau und ich selbst. Gestern waren wir also gemeinsam vorstellig an der – öffentlichen – Volksschule unserer Wahl. Sogar im Bezirk ist sie, “eigentlich” sollten sie uns so gesehen ja nehmen – “eigentlich” sollten wir so gesehen diesmal ja mehr Glück haben mit der Öffentlich-Rechtlichkeit als bei der Kindergartensuche vor drei Jahren. Damals hat sich nämlich rausgestellt, dass die in den Wiener Bezirken 1 und 19 angesiedelten öffentlichen Montessori Kindergärten gemäss roter Stadtpolitik den Bezirksbewohnern vorbehalten bleiben… das hätte halt auch was mit Angebot und Nachfrage zu tun, liess man uns damals wissen.

Aha, marktwirtschaftliche Prinzipien… aber das ist ja eine ganz andere Geschichte. Kindergarten. Heute bereits: Volksschule.

Und das bedeutet heute: vorzeitiges Aufnahmeverfahren, denn man will sich nun ja schulischerseits die vor allem sprachliche Eignung verfrüht ansehen, auch wenn man anscheinend noch nicht so recht weiss, was für Konsequenzen man an die verfrühte Feststellung der Nichteignung dann knüpfen könnte. Aber man kann ja mal anklopfen bei den Eltern usw.

Der Direktor und die Lehrerinnen und Lehrer mit denen wir in Kontakt kommen: ausgezeichnet freundlich. Aber insgesamt dann doch ein irgendwie seltsames Bild: wir müssen eine geschlagene Stunde Formulare ausfüllen – alle möglichen Dinge, die grossteils nicht relevant werden, wenn sie uns dann eh nicht nehmen sollten… aber bitte alles ausfüllen. Gut, selbstverständlich. Und dann letztendlich doch zum Gespräch mit dem Direktor – und ich erwarte irgendwie, dass wir nach Hintergründen, Beweggründen gefragt werden, mit der 5jährigen gesprochen wird oder irgendwas Persönliches passiert. Aber mitnichten… Die Formulare werden geringfügig ergänzt – der Computer wird bedient.

Und abschliessend: wir bekommen dann entweder ein Schreiben, aber das wäre schlecht, denn das würde ja bedeuten, dass sie uns nicht nehmen. Oder aber wir würden dann bereits zum ersten Elternabend im November eingeladen… Noch Fragen? Wenn ja, bitte 52525 – Stadtschulrat – wir wissen auch nichts.

Das verstehe ich natürlich: wer nichts weiss, kann auch nichts sagen. Und wer nichts wissen darf, der soll vermutlich auch nichts zu sagen haben. Beim Hinausgehen kratze ich mich am Kopf: wäre da nicht irgendeine Schulreifefeststellung oder so was in der Art vorgesehen gewesen? Egal, ich weiss eh, dass sie überreif ist, meine 5-Jährige.

Und hoffentlich, hoffentlich nehmen sie uns. Denn wir wollen bitte, bitte auf jeden Fall zu jenen, die zwar nichts wissen, aber zumindest wissen wollen würden – und auf keinen Fall zu denen, die noch weniger wissen, und vor allem auch bitteschön gar nichts mehr wissen wollen…

Vielleicht gibt ja das Foto, das sie von uns dreien gemacht haben, am Ende den Ausschlag? Wir haben alle nett gelächelt… echt nett!