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Rinks und lechts?

17. Juli 2009

Die politische Linke und die politische Rechte sind weder obsolet, noch werden sie stetig verwechselbarer – weder ist die eine Weltanschauung richtiger als die andere, noch wird eine die jeweils andere überwinden. Vielmehr sind sie zwei Pole einer immerwährenden Auseinandersetzung, zwei Seiten einer unteilbaren Medaille, Yin und Yang, rechtshirniges und linkshirniges Denken, zwei grundsätzliche, einander bedingende und einander benötigende Antagonismen. Wir brauchen beide Weltanschauungen so nötig wie eh und je – um eine Balance zu finden, mit der es sich gut (über)leben lässt.

links-rechts

(Foto credits gemäss Creative Commons BY-NC-SA 2.0)

Wirft man in einer sich selbst nicht glasklar “links” oder “rechts” der politischen “Mitte” positionierenden Runde an Menschen heute die Frage auf, ob “links und rechts” noch sinnvolle politische Kategorien seien, dann bekommt man mit hoher Wahrscheinlichkeit die Antwort: “Nein”. Diese Art Unterscheidungen machten “alle miteinander keinen Sinn mehr”, sie seien doch “primär von historischem Interesse” und vernebelten “die heute relevante Debatte über Sachfragen”, die “nach dem aktuellen Interesse der Menschen” und daher “nicht entlang der politischen Katgorien des 19. Jahrhunderts” zu entscheiden wären.

Nun ja. Daran ist sehr vieles falsch. Und gleichzeitig einiges richtig.

Falsch ist die Vorstellung, dass die politischen Kategorien “rechts” und “links” als idealtypische Konzepte im Verschwinden begriffen seien oder gar eines Tages “weggehen” könnten, weil eben die eine Ideologie über die andere “obsiegen” würde. Mitnichten. Mir fallen auf Anhieb zwei Reibeflächen ein, deren konfliktträchtige Berührung die Kategorien “rechts” und “links” charakterisieren und die vermutlich niemals verschwinden werden. Konflikt #1: Mehr “Privat” oder doch lieber mehr “Staat”? “Rechts” zieht tendentiell mehr in Richtung “Privat” während “links” in Richtung “Staat” das grössere Lösungspotential ortet. Konflikt #2: Mehr “Freiheit” oder mehr “Gleichheit”? Geht es um diese beiden einander antagonistisch gegenüberstehenden und uns bis heute beschäftigenden Grundwerte der französischen Revolution, dann betont die “Rechte” im Zweifel die “Freiheit”, während die “Linke” sich vermehrt um die “Gleichheit” besorgt zeigt.

Ist man wie ich der Ansicht, dass die Konfliktlinien zwischen “Staat” und “Privat”, sowie zwischen “Freiheit” und “Gleichheit” eben nicht eindeutig auflösbar sind, sondern der politische Prozess den fortwährenden und niemals endenden Versuch des Ausgleichs zwischen diesen grundlegenden Gegensätzen darstellt, also eine gesellschaftlich akzeptable Balance zwischen den auf beiden Seiten unverzichtbaren Konzepten und Werten zu finden hat, dann muss man gleichzeitig auch zum Schluss kommen, dass “Rechts” und “Links” als politische Kategorien niemals verschwinden werden. Denn sie stellen die fortdauernd gesellschaftlich hochnotwendig bleibende “These” und “Antithese” dar, welche letztlich sicherstellen, dass wir zu einer sinnvollen “Synthese” kommen können, also einem gesellschaftlich sinnvollen Ausgleich einander letztlich unversöhnlich gegenüber stehender Werte. Weder Staat noch Privat sind allein seligmachend, weder Freiheit noch Gleichheit dürfen allein verherrlicht werden, weder die Betonung des “Gemeinsamen” noch die des “Einsamen”, weder der “Egoismus” noch der “Altriusmus” allein garantieren einen “sicheren Pfad ins Glück”.

Auf die gute, gefinkelte Balance kommt es an.

Es ist aber auch einiges richtig an der Vorstellung, dass die politischen Kategorien “rechts” und “links” als idealtypische Konzepte im Verschwinden begriffen seien oder gar eines Tages “weggehen” könnten. Das heisst genaugenommen: nein. Die Kategorien werden nicht verschwinden, aber die Menschen selbst werden immer indifferenter. Die Menschen, die klar sagen “ich bin links” bzw. “ich bin rechts” werden weniger. Und das ist auch gut so. Denn: die Entscheidung der Frage ob aus subkjektiver Sicht mehr “Staat” oder mehr “Privat” vonnöten ist, mehr “Freiheit” oder doch mehr “Gleichheit” in der konkreten Situation mehr Vorteile bieten könnte ist zunehmend weniger eine denklogische Konsequenz der “Klasse” der man angehört. Für immer mehr wird es schlicht zu einer Frage der guten Balance. Aus genau diesem Grund kann man auch auf globaler Ebene ohne weiters für mehr Regeln, mehr Ordnung, mehr Gleichheit eintreten und gleichzeitig der Meinung sein, dass dem kleinen Staate Österreich ein Abbau an Regeln ganz gut täte, dass es ein “Mehr” an privater Dynamik vielleicht ganz gut brauchen könnte und dass es die Freiheit der kreativen Entfaltung des Einzelnen zum Schaden der Allgemeinheit zunehmend ungebührlich einschränkt.

Am Rande muss uns eins im Zuge einer solchen Betrachtung jedenfalls immer klar sein: ebenso wie links der Mitte der Begriff “rechts” leider nur allzu flott mit “rechtsradikal” gleichgesetzt wird, geschieht rechts der Mitte ganz ahnliches: wähnt man sich erst dem “rechten Lager” zugehörig, dann kann man links der Mitte sehr rasch nur noch “Linksradikales” wahrnehmen. Insofern wird am Ende des Tages auch wieder verständlich, warum sich eine tendentiell grösser werdende Gruppe nicht mehr mit den Begriffen “Links” und “Rechts” identifizieren kann. Die mal mehr bewusste, mal mehr unbewusste Erkenntnis, dass die “Wahrheit” nicht allein auf einer Seite zu Hause sein kann, macht den Einzelnen im Angesicht simplifizierender Parteilogik vielleicht politisch “heimatlos”. In Wahrheit ist sie aber doch ein wesentlicher Schritt in Richtung höherer politischer Reife. Diese vergrössert das Lager der Wechselwähler – und ändert doch rein gar nichts daran, dass uns der vermutlich unüberwindbare Antagonismus zwischen “Links” und “Rechts” als sinnvolle politische Kategorie auch weiter erhalten bleiben wird.

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20 Kommentare

  • @ MartinSchimak bloggt nach einer spannenden Diskussion gestern Abend im Augarten über links und rechts http://tinyurl.com/lfhy7c

  • Ich halte das “Arschbackenschema” deshalb für obsolet, weil immer mehr Ideologien zutage treten, die sich eben nicht eindeutig in eine der beiden Kategorien dieses Dualismus einteilen lassen.

    Was ist zum Beispiel mit dem Liberalismus? Er ist wirtschaftlich “rechts”, weil er auf “mehr Privat” setzt, wie du das sagst. Ist die gesellschaftliche Freiheit, die er aber ebenso wünscht, nicht eine tendenziell “linke” Idee? Homoehe, Drogenlegalisierung, Laizismus – alles Wünsche, die tendenziell eher von Linken geäußert werden. Und dennoch vertritt sie jeder Vollblut-Liberaler ebenso vehement wie die Ansicht, der Staat könne nicht wirtschaften und müsse deswegen privatisieren.

    Eine andere solche Ideologie ist der Nationalsozialismus. Da gibt’s erfahrungsgemäß immer einen besonders großen Aufschrei (natürlich vor allem von den Linken), wenn man sagt, dass dessen Wirtschaftsordnung – wie der Name schon andeutet – definitiv eine linke war, wohingegen die Gesellschaftsordnung, naja, auch nicht wirklich zu fassen ist. Ist Patriotismus bzw. Nationalismus “rechts”? Das würde deiner Postulierung, mehr Freiheit gegenüber mehr Gleichheit wäre ein rechtes Ideal, entgegen laufen. Ist er “links”? Eher nicht so, die Linke betont ja immer den Internationalismus, obwohl die Verwirklichung ihrer angestrebten Staatsform ja nicht nur in Deutschland zu mehr Nationalismus denn zum Gegenteil geführt hat (Kuba, Nordkorea, früheres China etc.) – und im Übrigen auch zu einer beachtlichen Anzahl an Ermordeten.

    So gesehen halte ich es für sinnvoller, als politisch wertende Eigenschaftswörter nicht alleine “links” oder “rechts” zu verwenden, sondern eher solche, die von mir bereits in diesem Text verwendet wurden: National(-istisch), konservativ, liberal, sozial(-istisch), grün, egalitär, religiös und so weiter. Das macht es jedenfalls wesentlich leichter, einen Sachverhalt zu beschreiben, auch wenn als Überbegriffe natürlich “links” und “rechts” verwendet werden dürfen.

    Allerdings glaube ich auch, dass diese “Lagertrennung” mehr spaltend als sonst irgendwie wirkt. Du hast es im Text ja bereits angeschnitten: Für die, die sich – meist stolz – zur “Linken” zählen, ist alles jenseits der ÖVP/CSU “rechts” und wird damit mit einem unglaublichen Tatendrang abgelehnt und bekämpft. Diese Absurdheit manifestiert sich im “Kampf gegen Rechts”, der nicht etwa als “Kampf gegen Rechtsextremismus” bezeichnet wird, sondern der Einfachheit halber gleich mal alle Konservativen, Wirtschaftsliberalen und Nationalisten mit einschließt, obwohl jede dieser Gruppen für sich in einer Demokratie absolutes Geltungsrecht besitzt.
    Umgekehrt kann man das natürlich genauso erleben: Linke sind natürlich allesamt Vaterlandsverräter, Sozialisten und Ökofritzen und damit ablehnenswert. Das alte Spiel, rinks und lechts eben.

    Es wäre also auch in diesem Sinne hilfreicher, sich mehr auf inhaltliche Gemeinsamkeiten von Einzelpersonen zu berufen, anstatt Millionen von Menschen in eines von zwei Lagern zu stecken. Ich komme beispielsweise mit Konservativen insofern gut aus, als sie für mehr Selbstverantwortung und Marktfreiheit plädieren. Ihre gesellschaftlichen Ansichten, wonach der Mensch Kontrolle – vor allem mittels Religion – bedarf, lehne ich hingegen zutiefst ab. Umgekehrt sieht es mit den Grünen aus, mit deren wirtschaftlichen Idealen man mich jagen kann, obwohl sie gesellschaftlich sehr befürwortenswerte Ansätze haben.
    Ich meine damit aber weniger das, was du mit deinen Sätzen über die alleinige Seeligmachung angesprochen hast, da diese ja wieder einen Kampf zwischen These und Antithese, woraus dann die Synthese entsteht, voraussetzt. Sondern eher, dass man sich seine Unterstützer und Begleiter für einzelne Ideen ruhig aus den verschiedenen Lagern und Ideologien picken darf, ohne dass man sich irgendetwas vorwerfen lassen muss. Zu dieser Vorstellung trägt aber wenig bei, dass Links und Rechts “sinnvolle Kategorien” bleiben – vielleicht auch, weil sich mir hinsichtlich der durchaus immer noch simplifizierten, aber trotzdem schon weitaus differenzierten Beschreibungen, die ich oben genannt habe, der Sinn eines politischen Grundantagonismus nicht erschließt.

  • Schöner Beitrag, Martin!

  • @Andy thx!

  • @Mathias Ich geb Dir über weite Strecken recht. Schon deshalb, weil es mir mit dem Beitrag ja auch nicht darum ging zu sagen, dass diese Kategorien das gesamte politische Geschehen erklären können und keine anderen politisch erhellenden Begriffe nötig sind. Ganz im Gegenteil. Auch musste der Einwand kommen (schön, dass er von Dir gleich kam…!), dass die “Linke” sich die sogenannte “gesellschaftliche Freiheit” auf die Fahnen schreibt und ein Übertragen des Antagonismus “Rechts/Links” auf “Freiheit/Gleichheit” daher viel zu schematisch und idealisierend ist. Ja. Es geht beim Antagonismus Rechts/Links um wirtschaftliche Freiheit/Gleichheit. Auch glaube ich ebenso wie Du, dass das an den politisch extremen Rändern nicht mehr funktioniert, weil Rechts- wie Linksextremismus des europäischen 20. Jahrhunderts beides totalitäre Gleichheitsideologien waren.

    Der wesentliche Punkt des Beitrags ist ja aber weniger der Versuch zu definieren, was “Links” und “Rechts” eigentlich nun ganz genau ist, sondern mal mehr zu unterscheiden zwischen der Frage, ob diese Kategorien obsolet sind (ich denke, sie sind es als Kategorien nicht!) und der Frage, ob sich Menschen als Ganzes diesbezüglich kategorisieren lassen (ich denke, sie lassen sich immer weniger kategorisieren!) Insofern hat es auch Berechtigung wie Du auf Deinem Blog von “Rinks und lechts” zu sprechen, weil die alte Schubladisierung von Menschen in politische “Lager” einerseits schadet und andererseits auch nicht mehr funktioniert. “Linke” und “rechte” Ideen bestehen jedoch fort (und müssen wie ich glaube fortbestehen, weil sie beide für wichtige und unvereinbare Prinzipien stehen, die sich aneinander abarbeiten müssen), aber gleichzeitig wechseln gerade jene Menschen die das so sehen wie ich im Bemühen um eine ausgewogene Balance von Werten immer häufiger und je nach Sachfrage ihr (zur Schubladisierung benutztes) “Hemd”.

  • Dass Rechte Freiheit wollen und Linke Gleichheit ist eine etwas vereinfachte Darstellung. Sowohl Linke wie auch Rechte streben Freiheit und Gerechtigkeit an, nur verstehen sie darunter etwas anderes. Die Rechte will die “Freiheit Zu” (z.B. Freiheit beruflichen Erfolg zu haben) und die Linke will die “Freiheit Von” (z.B. nicht von seinem Arbeitgeber abhängig zu sein). Ähnliches trifft auf Gerechtigkeit zu: Linke wollen eine Verteilungsgerechtigkeit und Rechte eine Leistungsgerechtigkeit.

    Zwei weitere wichtige Unterscheidungsmerkmale sind:
    1. Die Linken wollen gesellschaftliche Hierarchien los werden, für die Rechten sind Hierarchien erstrebenswert.

    2. Für Linke ist der Mensch zuerst mal grundsätzlich Gut und wird erst durch die Gesellschaft korrumpiert. Für die Rechten ist der Mensch grundsätzlich Unvollkommen, d.h. Eigenschaften wie Gier, Neid usw. wird es immer geben und lassen sich nicht durch irgendeine bessere Gesellschaft auslöschen. Ich persönlich finde, dass das das wichtigste Unterscheidungsmerkmal ist und dass sich praktisch alles andere darauf zurückführen lässt.

    Weiter möchte ich auf den ausgezeichneten Blogeintrag Politische Nautik für Fortgeschrittene auf NBFS hinweisen.

  • @Michael Danke für Deinen Comment. Natürlich ist das eine vereinfachte Darstellung, was ich da mache. Der mir wesentlichere Punkt als mich darüber auszulassen, was genau Rechts und Links unterscheidet war mir aber 1. die These, dass beide Positionen als Kategorie existieren und auch weiter existieren werden, wenn man den politischen Prozess so betrachtet, dass er versucht einen Ausgleich zwischen einander teils widersprechenden und daher jeweils nicht vollständig verwirklichbaren Wert- und Zielvorstellungen herbeizuführen und 2. dass wenn man beginnt beide “Denkschulen” als unverzichtbar für das Ergebnis zu betrachten man selbst in eine Gruppe von Menschen stösst, die nicht mehr eindeutig rechts/links schubladisierbar ist, weil sie je nach Bedarf, Frage und Ausgangsposition von beiden für wichtig gehaltenen Argumentationssets Gebrauch machen wird.

    Mit Deinem wichtigsten Unterscheidungsmerkmal hab ich schon deshalb so meine Probleme, weil ich den Menschen weder als “zuerst gut, dann korrumpiert” sehe noch von vorneherein als mit “schlechten Eigenschaften” ausgestattet. Vielmehr glaube ich, dass es eine zu simple Betrachtungsweise ist zum Menschen dazugehörende Eigenschaften wie von Dir genannte Gier, Neid etc als “schlechte Eigenschaften” zu sehen. Denn das scheint mir zu implizieren, dass wir jedenfalls besser dran wären, wenn es diese “schlechten Eigenschaften” nicht gäbe, wir aber eben “unvollkommen” sind und damit halt irgendwie zu Rande kommen müssen. Nun meine ich zwar ganz und gar nicht, dass wir “vollkommen” sind, aber wir sind immerhin eines der momentanen Ergebnisse einer ziemlich langen biologischen Evolutionskette und ich gehe daher recht fix davon aus, dass so grundlegende menschliche Emotionen wie Gier, Neid etc grundsätzlich ebenfalls ihren guten Sinn haben. Ich sehe daher in der Existenz solcher Emotionen keinen Widerspruch dazu den Menschen im Prinzip als “gut” (im Sinn von “schon ok so wie er ist”) zu betrachten und zwar inklusive all dieser Anteile…

  • Ich würde überhaupt sagen, dass die Einteilung links/rechts nur Sinn macht, wenn man diese Kategorien als Sammelbegriffe für Abwägungstendenzen in der Vergangenheit betrachtet: Links/rechts ist im Grunde ja nur, was bisher darunter verstanden wurde. Wer sich also als links oder rechts bezeichnet, verweist damit auf Vergangenes. Das ist zwar insofern interessant, als man so eine (vage) Vorstellung davon vermitteln kann, welche Lösungsansätze man “damals” in vergleichbaren Situationen favorisiert (hätte). In der Gegenwart stellt sich aber, wie du schreibst, eine ganz andere Frage, nämlich die nach einer konkreten (sachgerechten) Lösung – und die setzt differenziertes Abwägen voraus und ist damit der simplen Unterscheidung Rinkslechts nicht zugänglich. Der einzige Sinn dieser Kategorie liegt daher eigentlich nur darin, sich im Lichte einer bestimmten politischen Tradition darzustellen. Dass oft der Eindruck vorherrscht, links und rechts wäre irgendwie veraltet, liegt mE daran, dass sich die Bedeutung dieser Begriffe eben nur für die Vergangenheit (relativ!) klar feststellen lässt. Die Bedeutung für Gegenwart und Zukunft muss eben laufend neu ausverhandelt werden: Genau das ist (wäre) ja die Aufgabe eines öffentlichen politischen Diskurses. Wer sich das Schild links/rechts im Zusammenhang mit aktuellen politischen Diskussionen bereitwillig und undifferenziert umhängt, muss sich daher den Verdacht gefallen lassen, sich in seinen politischen Entscheidungen ausschließlich auf die Geschichte zu verlassen. Das aber ist ein Indiz für geistige Unbeweglichkeit, historisch bedingte Denkverbote und Rückwärtsgewandtheit – kein Wunder, dass da Misstrauen aufkommt.

    Ich schließe mich also dem Argument “primär von historischem Interesse” oben an – was ja in keinster Weise abwertend zu verstehen ist: Politik hat die Vergangenheit genauso wie die Zukunft im Auge zu behalten :)

  • @Mathias: Liberale teilen sich oft in Links- und Rechts-Liberale ein.

    Außerdem glaub ich nicht, dass man Links und Rechts über diese extremen Varianten wie Kommunismus und Nationalsozialismus definieren soll – deren Ausgangsideologien mögen sich stark unterscheiden, in der Realpolitik kann man dann aber nicht mehr so viele Unterscheidungen finden, da sie mit ihrer totalitären Ideologie die ganze Gesellschaft kontrollieren müssen und das geht nur mit einer staatlichen Kontrolle der Wirtschaft (was wir als Links bezeichnen würden) und einer strengen Hierarchie (was eher Rechts ist) usw..

    @Markus Otti: Ich denke, dass das Links/Rechts Schema immer aktuell sein wird. Ich denke sogar, dass die meisten Menschen eines von beidem sind, auch wenn sie sich dessen oft nicht bewusst sind.

    Denk einfach mal darüber nach, was für Dich Freiheit ist – ist es zu wissen, dass man sich über seinen Lebensunterhalt (ich meine die Grundbedürfnisse) keine Sorgen machen muss oder ist es die Möglichkeit alles erreichen zu können (aber natürlich mit der Möglichkeit zu scheitern).

    Und an was denkst Du in erster Linie wenn Du an Gerechtigkeit denkst – ist es für Dich ungerecht, dass manche Menschen Millionen verdienen und andere gerade so zurecht kommen oder ist es für Dich ungerecht, dass sich manche Menschen von anderen aushalten lassen, obwohl sie durchaus die Möglichkeit hätten zu Arbeiten (auch wenn sie den Beruf oder Wohnort wechseln müssten).

    Und wenn es um Verbrecher geht: wie sehr denkst Du daran, dass der Verbrecher vielleicht auch eine schwere Kindheit gehabt hat und vielleicht einfach einem schlechten Einfluss ausgesetzt war, oder denkst Du eher, dass das Opfer ein Anrecht auf eine harte Bestrafung des Täters hat?

    Wenn Du Dich bei den drei Fragen eher jeweils der ersteren Kategorie zuordnest bist Du eher Links, sonst eher Rechts.

    @Martin: Ich seh es schon auch so, dass diese politischen Kategorien existieren, aber dass es in der Realität eine Mischung davon geben muss. Es ist heute ja auch sehr selten, dass man wirklich jemand trifft, der das nicht so sieht (z.B. ein Linker, der für die Abschaffung des Privatvermögens ist oder ein Rechter, der auch eine Minimalversion eines sozialen Netz ablehnt).

    Was diese “guten” und “schlechten” Eigenschaften betrifft wollte ich das eigentlich nicht so wertend ausdrücken. Für eine einzelne Person mag Gier, Neid usw. durchaus einen Vorteil haben (aus evolutionärer Sicht betrachtet sowieso). Aber in einer Gesellschaft mit einem gut ausgebauten Sozialsystem ist das eher was schlechtes – und manche Linke denken ja auch z.B. dass Menschen hauptsächlich deswegen Gierig sind, weil sie Angst haben in der Zukunft zu wenig (zum leben) zu haben oder dass Menschen deswegen Faul (Sozialschmarotzer) werden, weil ihnen die Gesellschaft nicht erlaubt ihre wahren Talente zu entdecken und auszuleben und sie deswegen in einem Job feststecken, der ihnen nicht zusagt.

  • @Michael: Links- bzw. Rechtsliberalismus sind in Wirklichkeit aber nur Farcen, um halt als “liberal” zu gelten – weil’s so schön klingt. Für sich betrachtet kann man natürlich sagen, man ist linksliberal und befürwortet eine freie Gesellschaft, dafür wirtschaftlich gesehen einen starken Staat; die meisten Konservativen hingegen sind ohnehin schon wirtschaftsliberal und wollen halt im Gesellschaftsbereich klare Regeln und Werte.

    Echter Liberalismus hat mit diesem Wischiwaschi aber nichts zu tun, denn er ist konsequent genug um zu sagen, dass freie Menschen nur durch die Abwesenheit des Staates (bzw. anderer gewalttätigter Herrschaft) zustande kommen können – und das sowohl in wirtschaftlicher, als auch gesellschaftlicher Hinsicht. Wobei ja viele noch einen Schritt weiter gehen und sagen, dass echter Wirtschaftsliberalismus alleine schon zu einer vollheitlich freien Gesellschaft führen würde, was gar nicht so daneben ist. (Ein freier Markt ließe beispielsweise auch den straffreien Besitz und Konsum von Drogen zu.)

  • Ich stelle mir folgende Frage: wenn ich ein “Linker” bin der für sich zum Schluss gekommen ist “zuviel links ist nicht gut” bzw. ein “Rechter” der ebenfalls meint “zuviel rechts ist nicht gut” dann bin ich ja nur noch “relativ” links bzw. “relativ” rechts im Verhältnis zu einer Art gesellschaftlich existierenden Mittelpunkts. Das bedeutet zwangsläufig, dass wenn ich in Österreich “rechts” bin mich ohne meine “relativen” Überzeugungen zu ändern in einem anderen Land “links” wiederfinden kann. Und umgekehrt. Oder?

    Dasselbe gilt für jede Art von gemässigter politischer Position, welche ja immer inkludiert, dass die Ideologie irgendwo ihre Grenze findet, also meines Erachtens zB genauso für den Liberalismus. Ein Liberaler definiert sich relativ zu gewissen freiheitsbeschränkenden Zuständen, die er vorfindet und kritisiert. Daher gut möglich dass er sich in einem anderen Land als Etatist wiederfinden würde ohne eine einzige Überzeugung geändert zu haben.

    Im Grunde banal, aber ich denke es machen sich nur eher wenige bewusst…

  • Dasselbe gilt für jede Art von gemässigter politischer Position, welche ja immer inkludiert, dass die Ideologie irgendwo ihre Grenze findet, also meines Erachtens zB genauso für den Liberalismus. Ein Liberaler definiert sich relativ zu gewissen freiheitsbeschränkenden Zuständen, die er vorfindet und kritisiert. Daher gut möglich dass er sich in einem anderen Land als Etatist wiederfinden würde ohne eine einzige Überzeugung geändert zu haben.

    Das hast du wohl Recht; beispielsweise sind in den USA die Zustände, die viele Liberale hierzulande befürworten, ja schon Gang und Gäbe.
    Nicht gelten tut dies jedoch für Libertäre bzw. Anarchokapitalisten, die jede Form von (unfreiwilliger) Herrschaft ablehnen und damit nicht in Relation zu irgendetwas stehen. Das aber nur als kleine Ausnahme, denn prinzipiell stimmt das von dir Gesagte ja.

  • Muss man die Einteilung links/rechts nicht eigentlich immer in Zusammenhang mit der Einteilung liberal/autoritär treffen? So wäre etwa der Unterschied zwischen einem Faschisten (rechtsautoritär) und einem Stalinisten (linksautoritär) oder einem Libertären (rechtsliberal) und einem Grünen (linksliberal) schematisch leichter darzustellen. Autoritäre/liberale Gesinnung schließt ja ein eher linkes oder rechts Weltbild nicht zwangsläufig aus.

  • Genau das gibts an und für sich eh. Ergibt durchaus Sinn, finde ich: http://en.wikipedia.org/wiki/Political_compass

  • kluger Beitrag!!!
    du sprichst mir aus der Seele. (über das Thema links und rechts radikal.)
    Zuwenig und zuviel ist des Narren Ziel heißt es ja.
    Aber ich finde es gut, wenn es Korrektur von links bzw. rechts kommt.
    Wenn man es genau nimmt wäre da eh die Große Koalition der Idealfall… aber es hapert da an der Realität.

  • empfiehlt den klugen Beitrag von @MartinSchimak zu lesen! http://tinyurl.com/lfhy7c

  • Lieber Martin,

    ich glaube gerade das Gegenteil, nämlich DASS links und rechts obsolet sind und vor allem, dass die Einteilung LINKS und RECHTS den Blick auf die WAHREN Verhältnisse trübt. Das war auch früher schon oft so, die Pervertierung von links und rechts zeigte uns ja auch die Geschichte:

    Stalinismus: Die vollkommene Gleichschaltung und UNterdrückung der Bevölkerung, regiert von einem Staatsapparat der Bonzen? Das soll links sein?

    Faschismus: Die vollkommene Gleichschaltung und Unterdrückung der Bevölkerung, regiert von einem Staatsapparat der Bonzen? Das soll rechts, also die grosse privarte Freiheit sein?

    …und da gibt’s noch etliche Beispiele, wo “Links” und “Rechts” als Kategorien im herkömmlichen Sin versagen (Blair ein Linker? et ceterissima…)

    Nein, da sollte man besser George Orwell lesen, und dann wird man (vielleicht) erkennen: es gibt kein Links und Rechts, es gibt aber andere Kategorien, um die wir uns kümmern sollten, und die heissen: “Oben” und “Unten”.

    liebe Grüsse an die Internetfuzzis
    Ernstl (pfuh, das war jetzt ganz schön links…:-)

  • Hi Ernstl,

    Mit dem Beitrag hab ich ja eigentlich versucht aufzuzeigen, dass “Links” und “Rechts” als politischer “Idealtypus” weiterhin Sinn ergeben, *obwohl* sich gleichzeitig insofern immer weniger damit erklären lässt, weil zunehmend weniger Menschen eindeutig und immer in eine dieser beiden Richtungen ziehen. So gesehen glaub ich haben wir keinen Widerspruch – aber ich glaube, mir ist das nicht so wirklich gut gelungen, das herauszuarbeiten. Erst später in den Kommentaren…

    Und ja, sich um “Oben” und “Unten” zu sorgen, den Gegensatz “Oben” und “Unten” reduzieren zu wollen oder durchlässiger machen zu wollen hat was mit “Mehr Gleichheit” zu tun und ist insofern ganz schön links! :-)

  • lieber martin,

    da muss ich jetzt, wo ich grad meine diplomarbeit genau zu diesem thema schreibe, ein paar anmerkungen anbringen:

    1. die leute, die sich als links oder rechts bezeichnen, werden nicht weniger. zumindest deuten alle empirischen studien darauf hin, dass heute nicht weniger leute als vor 30, 40 jahren bereit sind, sich auf einer links-rechts achse einzustufen.

    2. was links und rechts bedeutet, ist historisch und auch regional bestimmt. links zur zeit der französischen revolution (aus dieser periode stammen die begriffe) waren die gegner der monarchie, rechts die verteidiger des ancien regime. im neunzehnten jhdt. war links-rechts auch stark von religiös-sekularen konflikten geprägt. erst mit dem höhepunkt des industriezeitalters, dem aufkommen der arbeiterbewegung und sozialistischer parteien wurde links-rechts zum sozio-ökonomischen konflikt, den wir heute darunter verstehen (markt-staat). um 1800 waren die linken für den freien markt, die rechten für die kontrolle der wirtschaft durch die regierung (d. h. im prinzip für ein feudales wirtschaftssystem). nach 1945 hat sich die bedeutung von links-rechts nochmal verschoben. zu den klassenkonflikten des industriezeitalters kamen andere hinzu: umwelt, frauengleichstellung, immigration, partizipative demokratie, …
    diese neuen konfliktlinien wurden teils ins links-rechts-schema eingeschlossen (z. b. immigration), teils nicht so richtig (z. b. umwelt). trotzdem, es entstanden neue parteien (grüne, linksliberale, aber auch rechts-autoritäre).

    3. die vielen historischen konflikte, die sich in links-rechts widerspiegeln sind von land zu land verschieden. das hat verschiedene gründe: in protestantischen ländern zb ist die religiöse komponente irrelevant, in katholischen oder gemischten dafür noch immer stark (irland, polen, spanien, italien, auch österreich). in den skandinavischen ländern mit ihrer starken arbeiterbewegung und sozialdemokratie sind die industriellen konfliktlinien noch immer dominant (einkommensverteilung, rolle des staates in der wirtschaft, etc.). in osteuropa zb laufen die korrelationen zw. sozio-ökonomischem und post-industriellem links-rechts verkehrt: in w-europa bedeutet links (verkürzt) oft pro-staat und pro-liberale gesellschaftspolitik. in o-europa ist das oft umgekehrt, weil die kommunistischen regime quasi links-autoritäre waren.

    4. was wichtig ist: die links-rechts selbst-einstufung hat früher viel mit der sozialen herkunft zu tun gehabt. das ist heute weniger der fall. die sozialstruktur (einkommen, status, bildung, elternhaus, kirchenbesuch, gewerkschaftsmitgliedschaft, …) erklärt heute weniger als noch vor 30 jahren. dafür sind werthaltungen (in ö besonders: immigration) entscheidend für die links-rechts-selbsteinschätzung.

    soviel mal dazu. mehr irgendwann, wenn ich mein ding fertig geschrieben hab:)

  • @tenthchance empfehle dir einen sehr guten Blogeintrag über rechts und links http://martin.schimak.at/2009/07/rinks-und-lechts

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