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Fremdbestimmtheit…

19. Oktober 2009 10 Kommentare

…ist das für mich alles entscheidende Wort im heutigen Blogbeitrag von Christoph Chorherr. Arbeiten Sie noch? fragt er und hängt die unausgesprochene Zusatzfrage dran “Oder sind sie schon tätig?”.

Wir müssen uns nicht ganz mit dem achselzuckenden Statement begnügen “Manche mögen ihre Arbeit eben und andere eben nicht.” Wer es schafft, in ein im wesentlichen selbstbestimmtes Leben zu finden, in dem die eigene (erwerbsmäßige und nichterwerbsmäßige) Tätigkeit ein im wesentlichen ebenso selbstbestimmter Bestandteil geworden ist, der hat auch Freude daran. Freude an seiner Arbeit und Lebensfreude als solche.

Foto credits according Creative Commons BY-NC-SA 2.0

Ich habe jetzt in diesem Augenblick zwei Bauarbeiter in meiner Wohnung. Der eine ist wohl der Chef der Partie und macht alles mit mir aus, der andere ist der “Hilfshackler”. Beide arbeiten und kommunizieren sie mit einer Hingabe, Professionalität und Freude, dass es Spass macht zuzusehen. Die Freude auch an schwerer Arbeit entsteht nicht ganz zufällig. Gute Firmen finden gute Leute. Und gute Leute finden gute Firmen… ich überhäufe die beiden für die ersten getanen Arbeitsschritte mit wohlverdientem Lob. Und sie freuen sich wie zwei frischlackierte Hutschpferde.

Irgendwann gegen Ende seines Lebens wird auch der freudigste (Hand- oder Kopf-) Arbeiter etwas mehr zur Ruhe kommen wollen. Aber auch hier wieder. Gelingt es, diesen Prozess – der vielleicht für die meisten gar nicht in einem einzelnen Schritt zum “Ruhestand” bestehen sollte – im wesentlichen selbstbestimmt zu gestalten?

Selbstbestimmtheit wächst auf der Basis von Voraussetzungen. Ökonomische Voraussetzungen? Ja, sicher. Politische Voraussetzungen? Natürlich. Allerdings, selbst wenn all die benötigten Bedingungen politischer und ökonomischer Freiheit im wesentlichen gegeben sind, braucht es dann immer noch etwas. Man muss selber wollen. Das eine oder andere Risiko dafür auf sich nehmen. Und fast am allerwichtigsten: Man muss ca wissen wohin man will. Und damit meine ich nicht, was man “werden will” oder tun will. Das wird sich beim einen nie beim anderen viele Male im Leben ändern. Ich meine vielmehr Dinge wie: weiss ich zb, was ich mir für Arbeitsbedingungen erwarte? Weiss ich zumindest für mich selbst, welches Betriebsklima ich mir selbst zumuten möchte? Bin ich bereit zu gehen und was anderes zu probieren, wenn ich leide?

Schlecht geführte Betriebe leben von fremdbestimmten, leidenden Menschen die trotzdem nie und nimmer gehen würden. Sterbehilfe für schlecht geführte Betriebe ist schon heute legal: Leute, bitte geht.

Aber warum gehen sie in aller Regel nicht? Wiederum: wenn wir dem Reflex erliegen, allein die äusseren zB ökonomischen Bedingungen dafür verantwortlich zu machen, dann haben wir zwar immer ein stückweit recht. Aber der Reflex stammt aus einer Vergangenheit, in der “die Bedingungen” wirklich fast alles erklären konnten. Heute und hier in Mitteleuropa können sie zwar immer noch mehr als “fast nichts” erklären – aber doch auch viel zu wenig. Was der Heerschar an Menschen, die hier, heute, jetzt durchaus schon ausreichende Bedingungen für ein mutiges, selbstbestimmtes Leben vorfinden würden noch fehlt ist vor allem anderen die Überwindung der Barrieren im eigenen Kopf.

Wir glauben nicht an uns. Wir wissen es einfach nicht, dass wir selbst wichtig sind. Es hat uns nie jemand gesagt, oder? Wir haben keine Ahnung, wohin es uns bringen kann, wenn wir selbst für uns zu denken und entscheiden beginnen. Wir wissen auch nicht, dass unsere ganz eigene Art zu denken, hätten wir nur mal zu ihr gefunden, auch “wirtschaftlich” hochgefragt wäre. Das allerschwierigste für arbeitnehmersuchende Unternehmer ist es unternehmerisch denkende Arbeitnehmer zu finden. Selbst offensichtlich hochintelligente Menschen finden nur allzuoft nicht den Schlüssel zu sich selbst, der sie selbst vom Ausführenden zum Handelnden macht.

Der Homo politicus denkt an dieser Stelle an unser Bildungssystem. Auch dieses krankt vornehmlich an genau dieser Stelle. Wir lernen von klein auf das Ausführen statt selbst zu handeln, wir lernen zu wiederholen statt zu erfinden, zu gehorchen statt den richtigen Weg zu suchen. Zufall? Wohl kaum.

Wir müssen als ganze Gesellschaft erst den Schritt raus aus dem Industriezeitalter machen. Das Fliessband hat ausgedient. In den Fabriken stehen längst mehr Roboter als Menschen. Wir müssen keine Rädchen mehr sein. Was die Menschen emotional verkrüppelt hat, war nie der “Kapitalismus”. Es war die (historisch wohl notwendige, unvermeidliche) Phase des “Industrialismus”. Die Sozialdemokratie kämpft immer noch – halbherzig, ok – gegen ersteren und klammert sich mit verbissenem Stolz an zweiterem fest.

Die Nachricht ist auch zu gut um wahr zu sein. Wir könnten im entwickeltsten Teil des Globus nun vorangehen und den Industrialismus für immer hinter uns lassen. Erster Schritt: alle industriell geprägten Strukturen raus aus den Schulen.

Sehr angstmachend, solang der Roboter im Kopf immer weiterrobotet. Es wird daher wohl doch noch ein, zwei Generationen lang sickern müssen.

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10 Kommentare

  • Nun, das klingt alles sehr schön. Idealistisch. So wie man sich das vorstellt. Aber hast du dir mal überlegt, dass viele der Leute, die arbeiten, kein System haben, auf das sie zurückfallen können? Dass Betriebe, die ihre Mitarbeiter nahezu versklaven, sich deswegen so viel leisten können, weil sich immer noch jemand finden lässt, der den miesen Job erledigt? Ich spreche auch aus Erfahrung. Ich habe mich früh entschlossen, so ein von dir gepriesenes Leben zu führen: keine Wasserträgerin für jemand sein. Ungerechtigkeiten aufzeigen, wo sie stattfinden, mich nicht ausbeuten oder übervorteilen lassen. Leider habe ich das in Österreich getan und bis jetzt kann ich lediglich überleben, weil ich ein geduldiges soziales Netzwerk habe. Ich muss keine Kinder ernähren, oder stehe nicht ohne Unterstützung da, wenn ich beschließe meinen Job an den Nagel zu hängen. Und trotz allem ist mir bisher klar geworden, dass ich dadurch auch nur sehr wenig gewonnen habe. Weil man hierzulande Leute nicht nach Verdienst oder Leistung einstellt, sondern weil sie jemanden kennen. Oder weil der Onkel einen bekannten Nachnamen hat.

    Um eine Gesellschaft zu haben, in der das was du dir wünschst (und ich auch) funktioniert, müssen erst die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geändert werden. Und das passiert entweder durch Revolution (nicht in Österreich) oder dadurch, das die Politik diese Rahmenbedingungen ändert. Solange dort aber alles genau so funktioniert, wie ich es eben beschrieben habe (siehe Meischberger und Co.), wird sich auch sonst nichts ändern. In diesem Sinne ist man in Österreich noch nicht mal in der Industrialisierung angekommen, sondern lebt noch fröhlich im Feudalwesen.

  • Liebe Susanne, zu Deinen Fragen im ersten Teil: ja, das überlege ich mir oft. Und ich bin unterm Strich trotz auch Bedenken (nona) ein Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens. Wenn Du Dich damit beschäftigst wirst Du besonders interessant finden, dass sich a. die Befürworter durch fast alle Parteien ziehen und b. der härteste Widerstand von jenen kommt, die das Wort “sozial” am öftesten vor sich hertragen. Die wollen nämlich zu oft nicht Selbstbestimmung für andere, sondern selbst bestimmen über andere.

    Überhaupt kann ich Dir nur zustimmen und würde meinen Beitrag trotzdem(?) immer wieder so schreiben… denn was Du schreibst stimmt schon: leider haben wir “das” in Österreich getan… gerade daher sollten wir weiter kleine, uns machbar erscheinende Beiträge leisten, dass sich dieses Land langsam aber sicher geistig öffnet.

    Und was mir gerade deshalb so besonders wichtig ist: dass man sich selbst immer wieder hinterfragt, wo man sich auf die widrigen “Umstände” vielleicht nur rausredet aber letztlich doch nur den Antrieb zu einem durchaus machbaren Schritt nicht hat. Sicherlich passen die Umstände für ein selbstbestimmtes Leben nach wie vor für zuviele nicht. Aber gleichzeitig passen sie auch heute schon für viel viel mehr als tatsächlich Gebrauch davon machen. Das dürfen wir nicht übersehen.

  • Lieber Martin,
    ja und ich bin auch froh, dass du deinen Beitrag so geschrieben hast, wie du es getan hast! Ich habe meinen Kommentar auch mehr als “Senf” gesehen, den ich dazugeben wollte, denn ich stimme dir grundstätzlich zu. Gerade durch Auslandsreisen habe ich erlebt, wie sich eine von dir propagierte Geisteshaltung auf die Selbstbestimmtheit der Menschen auswirken kann und ich hab die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass auch hierzulande mal bessere Bedingungen geschaffen werden und Kritik an horrenden Honoraren nicht von eben jenen mit der unseligen “Neiddebatte” niedergeschmettert wird, die selbst von diesem System profitieren.

  • Neben der Frage der Fremdbestimmtheit…: die ganze Diskussion ist leider aus eurozentristischer Perspektive geführt.

    Wir leben doch – etwas – selbstbestimmter, genau WEIL wir alle im “Haus” der Kapitalisten MITwohnen. Die wirklichen Proletarier leben in den Billiglohnländern, allen voran in der “VR” China. Wir können uns – nein wir müssen! – billige Konsumgüter zu Hauf einverleiben um das irrwitzige System am Laufen zu halten.

    Was nützt mir ein so genannt “selbstbestimmtes Leben” inmitten einer weithin kaputt industriealisierten Welt? Der Konsumterror vor Weihnachten damit die “Arbeitsplätze erhalten” bleiben? Soll ich mich in eine selbstgerechte Illusion flüchten, psychologisierend Kritik an den nostalgischen Fremdbestimmten üben und die auch noch mit liberal-konservativem Gedankengut aufpolstern?

  • Hallo tom-ate,

    Dein Comment ist für mich ein Beispiel ausschliesslich kapitalismuskritikfixierter Perspektive. Das Plattmachen und Reduzieren von jedwedem Thema auf die vorgeblich zwingende ökonomische Logik unserer kaputt industrialisierten Konsumterrorwelt kenne ich so gut, reicht mir aber nicht. Genau dieser Text ist ein Beispiel dafür, dass mir das nicht reicht.

    Damit will ich nicht sagen, dass die von Dir angesprochenen Themen nicht existieren, ganz im Gegenteil. Aber es sind nicht die einzigen Themen. Und aus ebendiesem Grund waren diese zufällig auch nicht die Themen hier. Vielmehr habe ich versucht, mich mit der Frage zu beschäftigen, warum wir in einer fremdbestimmten Haltung so oft auch dann verharren, wenn es ganz konkret für einen selbst daran sehr wohl einiges zu verbessern gäbe. Einiges an freudvoller Selbstbestimmtheit in Reichweite wäre.

    Du bringst aber insofern wieder passend jenen Aspekt in diese Debatte ein, weil einen an ebendiesem freudvoll selbstbestimmten Leben auch der verbitternde Weltschmerz über “die Umstände”, “die Anderen” oder “den Kapitalismus” etc hindern kann. Verkürzt: “Was nützt mir schon mein Leben inmitten sovieler kaputter Leben?” Übersehen wird für mich dabei dass es sich um einen sich selbst verstärkenden und damit auch selbst erfüllenden Denkzirkel handelt…

    Lg!

  • Hallo Martin

    Es ist wahrscheinlich befreiend, die eigne frühere Kapitalismuskritik (?) hinter sich zu lassen und sich der Selbstverwirklichung zuzuwenden? Ich habe aber den Punkt nicht deshalb eingeworfen, weil ich ihm ein Ausschließlichkeitsprinzip zuordne und alles andere falsch finde. Im Gegenteil. Deine Gedanken sind lesenswert.

    Es ginge darum, beides zu integrieren. Heute hungern mehr als eine Milliarde Menschen auf diesem armseligen Planeten. Meine Selbstverwirklichung sollte diese Tatsache nicht nur zynisch beiseite wischen. Das wär eigentlich der Punkt.

    Grüße
    tom-ate

  • Sorry tom-ate, aber auch wenn man Dir auf den ersten Blick zustimmen möchte, wenn Du sagst “beides integrieren”, das eigentliche Problem mit Deinem Statement liegt darin, dass man eine Balance zwischen zwei Dingen nur dann einfordern kann, wenn zwischen diesen eine Art natürlicher Gegensatz besteht… und genau an dieser Stelle wird dieser mir so gut bekannte Reflex wieder sichtbar: da schreibt einer über Selbstbestimmung und die vorwiegende gefühlsmässige Reaktion ist der Fingerzeig “Vermeide den Ego Trip. Und vergiss nicht die hungernden Kinder in Afrika.”

    Genau so wirds aber nie funktionieren. Selbstbestimmung steht nicht in einem Widerspruch zur Wahrnehmung der Probleme anderer, sondern ist die grundlegendste Voraussetzung dafür. Das ist tatsächlich ein grundlegend anderer Zugang zum Thema…

    (Genau das ist übrigens auch dem Christentum über die Jahrhunderte passiert. “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst” implizierte zunächst die Bedingung der Selbstliebe, auf deren Basis die Nächstenliebe wachsen kann und soll. Im Laufe der Zeit wurde daraus ein moralinsaures Verbot der Selbstliebe, welches die ursprüngliche Intention dieses Gebots ad absurdum führte und psychologisch sogar verunmöglichte.)

  • Nein und ja. Ich stimme Dir – beinahe – zu. Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung kann jedoch im schlimmsten Fall dazu führen, auf die “Nächstenliebe” ganz zu verzichten. Das ist und bleibt der Punkt.

    Wer sich z.B. Waffen an kriegführende Gruppen verkaufend selbst verwirklicht, kann wohl doch nicht mit Deiner Sympathie rechnen, oder? Es gibt Grenzen der Selbstverwirklichung, auch wenn Du in einer momentanen Befreiung von linken Denkmustern diese ungern mehr sehen zu wollen scheinst. Verantwortung trägt gerade der Selbstbestimmte mehr als der Fremdbestimmte. Da sind wir uns sicher einig.

  • Mmh, also ich fühle mich ein wenig verkannt, wenn Du mir laufend eine “momentane” Befreiung von linken Denkmustern unterstellst. Wenn Du meinen Blog ein bissl rückverfolgst, dann wirst Du ziemlich sicher sowohl mehr nach rechts(liberal) als auch mehr nach links(liberal) klingende Beiträge finden. Das hat auch damit zu tun, dass ich davon ausgehe, dass alle dauernd irren. Und sowas wie “Wahrheit” nicht in einem bestimmten Lager zu finden ist, sondern in einer ausgewogenen Anwendung der Konzepte – je nachdem woran es an einem Ort zu einer Zeit gerade mehr fehlt.

    Der Meinung bin ich seit mindestens zwanzig Jahren – so gesehen eh auch schon wieder viel zu lang. ;-)

    Und insofern gibt es natürlich Grenzen der Selbstverwirklichung (die ich nicht ganz synonym mit Selbstbestimmung sehe). Banal gesagt kann ich mich letztlich nicht auf Kosten anderer selbstverwirklichen – und das ist es ja wohl auch worauf Du hinaus willst. “Verantwortliche Selbstbestimmung” ist vermutlich der Begriff, auf den wir uns einigen können?

  • Dann muss ich mich entschuldigen. Meine Unterstellung war also falsch. Grün positioniert sich eben heute automatisch links. Deshalb die Unterstellung.

    Ich gehe auch davon aus, dass alle dauernd irren. Und dies nicht nur in Politik und Weltanschauung. Wir können gar nicht anders. Jeder lebt wirklich in seiner eigenen Welt und somit ist sie virtuell. ;-)

    Mit verantwortlicher Selbstbestimmung, wie Du es definierst, kann ich perfekt leben.

    LG
    tom-ate

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