Keine Zeit. Querlesen. Die Sache kippt.
So, jetzt schreib ich mir mal wieder was von der Seele. Dafür liebe ich meinen Blog besonders. Allerdings: ich muss mich kurz fassen. Superkurz. Andernfalls wird der Text nicht nur nicht gelesen werden. Sondern er wird selbst von den intelligentesten, sympathischsten, einfühlsamsten und überhaupt rundum besten Menschen die mich umgeben und meinen kleinen Blog hier (vorgeben zu) lesen völlig falsch interpretiert werden. Denn sie lesen keine ganzen Sätze mehr. Dort wo der Punkt eines Satzes ist reflektieren sie nicht mehr. Und wo ein Fragezeichen steht, stellen sie keine Fragen mehr. Finsternis macht sich breit. Da. Jemand schreit? Nein, es war nur meine innere Stimme.

(Art Credits to brenda-starr according Creative Commons BY-NC-ND 2.0)
Wenn ich ein eMail an mehrere Leute schreibe (und mich kurz dabei fasse) kann ich sicher sein, dass von der Hälfte keine Reaktion kommt. Wenn ich in einem Projekt zum Interessensabgleich eine Doodle Umfrage starte, für die man den fünfzeiligen Einleitungstext lesen muss, um sie zu verstehen, kann ich sicher sein, dass sie nicht verstanden werden wird. Wenn ich einen Blogbeitrag mache, in dem ich einen etwas anspruchsvolleren Gedanken ausführlich beschreibe, kann ich sicher sein, dass ich ihn in den Comments wiederholen muss (was ich gerne tue). Wenn ich einen Online Artikel lese kann ich sicher sein, dass ihn 80% der direkt darunter Kommentierenden nicht gelesen haben. Wenn ich einem vielbeschäftigten Menschen, der via Skype online ist eine kurze Frage stelle, ist die Chance mehr als intakt, dass die Reaktion solange dauert, dass ich mit meiner Arbeit und meinen Gedanken längst ganz woanders bin. Wenn ich anrufe, kann ich sicher sein, dass mit recht hoher Wahrscheinlichkeit nicht abgehoben wird oder spätestens nach dem zweiten Halbsatz gesagt wird: “Du, das müssen wir später in Ruhe besprechen”. Gut, gerne, denn ich bin ja ein freundlicher Zeitgenosse. Oder versuche einer zu sein.
Allein: das “später” findet in wiederum mindestens 50% aller Fälle nie statt. Es sei denn ich versuchs halt wieder. Und dann nochmal. Und das geht nicht nur auf meine Zeit, sondern fällt natürlich tendentiell auch zwischenmenschlich auf mich zurück. Man ist schliesslich schon lästig, nicht wahr? Das ist der Teufelskreis, in dem wir mittlerweile fast alle stecken (und ich nehm mich da gar nicht aus, bin selbst um keinen Deut “besser”!): wir verlieren Unmengen an Zeit, weil wir uns die benötigte Zeit nicht mehr nehmen (können?). Absurd. Und dennoch Fakt. Glaub ich. Wir verlieren weiters Unmengen an Zeit, weil wir nur noch die Dinge gleich tun, die sich in 30 Sekunden erledigen lassen. Alles andere kommt nicht etwa in eine Warteschlange. Nein, es bleibt tendentiell liegen, weil sich alle 30 Sekunden neue 30-Sekunden-Dinge vordrängen.
Wenn ich was kurzes brauch und jemand ist über Twitter DM erreichbar, dann ist die Chance noch halbwegs intakt. Der Bonus der kleinen Community. Und daher für mich wiederum Ausdruck desselben Problems. Man weicht in Kanäle aus, die noch halbwegs funktionieren. Es ist aber nur eine Frage der Zeit (sic!), bis die auch verstopft sein werden.
Hätte ich starke Selbstzweifel könnt ich natürlich auch in mich gehen und sagen: das alles könnte ja auch einfach an DIR liegen. Die mögen Dich vielleicht nicht? Nö. Daran liegts nun wirklich nicht. Das was da passiert ist grösser. Umfassender. Und es wird nicht mehr allzulange dauern können, bis das grosse Pendel in irgendeiner Form zurückschwingt. Zumindest teilweise. In gewisser Hinsicht. Für manche. Bis dahin muss ich wohl noch durchhalten, sofern ich nicht vorher ohnehin wegen illegaler Schirrmacherei geklagt werde oder für den Wolo oder sowas nachnominiert werde und dann nichtmal mehr von meinen unerreichbaren Freunden gemocht werde.
Meine Güte, was bin ich arm.
Meine Kanzler. Gefühlt.



Die Verstopfung der Kanäle als permanenter Bedarfsmotor für neue Kanäle. Wäre eine interessante These. Schade, dass ich nicht mehr KoWi studiere.
Themenverwandt: Mich ärgert auch, wenn ich schon Leute die geschäftlich mit mir kommunizieren an der Hand nehmen muss. Wenn du in einer E-Mail zwei Fragen an jemanden stellst, kannst du dir in den meisten Fällen sicher sein, dass zumindest eine nicht beantwortet wird. Leider antworten viele auch heutzutage noch nicht innerhalb von 24 Stunden, drum ists oft mühsam den “1 Frage pro Mail”-Workaround aufrecht zu erhalten.
Exakt wie Du’s beschreibst, Tom. Es geht in zig Projekten nichts mehr weiter, weil man für die scheinbar einfachsten Klärungen ewig benötigt.
Lesen! Gründlich und langsam! RT @MartinSchimak: Gebloggt: Keine Zeit. Querlesen. Die Sache kippt. http://bit.ly/f7fCEL
Und weil es genau so ist, wie du schreibst, liebe ich das mit Abstand beste Kommunikationsmittel: Das unmittelbare Gespräch.
So richtig face to face.
Da spielt die Musik.
Und diesen “Kanal” wird so bald niemand verstopfen.
Christoph, stimmt. Allerdings, jetzt bleib ich zwecks Analyse mal kurz der Pessimist: so ein Gespräch ist enorm “zeitintensiv”. Und fast noch schlimmer: man muss es vereinbaren! Bumm. Zack. Scheitert. Nächster gemeinsamer Termin in 4 Wochen. Vielleicht.
um was geht’s hier?
@Dyrnberg http://bit.ly/f7fCEL
Ein Link? Keine Zeit jetzt, draufzuklicken. Sorry. Später mal in Ruhe.
Gut, gerne lieber Dyrnberg, wir rufen uns mal zsamm, ok, dann erklär ichs Dir.
aber etwas ernsthafter: was du hier beschreibst, kennt wohl jeder von uns. gerade wenn ich als kleiner wissenschafts-hilfs-chuck (schreibt man sicher nicht so, kommt ja nicht von chuck norris…) eine mail an 5 professoren schreibe, die im rahmen eines projektes zusammenarbeiten, kann ich eigentlich sicher sein, dass kaum einer antwort, dass die antworten nur 50% der fragen betreffen oder dass es nicht mal an der sekretärin vorbeigeht.
umso schöner ist es, leute zu treffen, die wie auf einer eigenen zeit-insel leben. wenn dann der große forscher plötzlich ein drei seiten-mail zurückschreibt und du merkst: der hat dir jetzt das wertvollste geschenkt, was wir besitzen: lebenszeit.
aber wie du richtig schreibst: niemand ist davor gefeit. ich beispielsweise versuche die studenten im seminar aufmerksam zu betreuen. mit mails, in denen ich ihnen zusatz-infos vor ihren referaten und ihnen feedback nach ihren referaten gebe. dazu das angebot, dass sie ins büro auf einen kaffee kommen können, wenn sie einen text nicht verstehen. aber das alles kann ich eben nur machen, weil ich ein kleiner hilfs-chuck bin.
soweit meine assoziativen gedanken. und jetzt geh ich die schildkröte kassiopeia suchen…
Super @Dyrnberg. Danke für Dein gar nicht so kleines bisschen Lebenszeit. Du hast meinen Tag zuerst lustiger und dann auch noch schöner und reicher gemacht.
(Muss öfter mal eine Tirade schreiben)
Wenn wir schon beim granteln sind. Ich mag auch Leute nicht, die irgendwo bei einem Blog oder ähnlichem einen Kommentar absetzen, dann aber nie wieder auf eine Antwort reagieren, die sie darauf erhalten!
Granteln. Da fiele mir noch ganz viel ein. Stark beschäftigt mich derzeit auch die Diskrepanz zwischen dem was gemocht wird und dem was geliked oder retweeted wird. Achgottchen.
Also ich muss sagen, die kurzen Sätze haben sehr geholfen!
Nein, eigentlich mag ich ja Blogs bzw. Texte die flott und knackig geschrieben sind, darum hab ich auch meine “RSS-Aufarbeitungsaktion” (über 150 Artikel – aber voll selbst schuld, FAULHEIT) unterbrochen und ihn ganz gelesen. Und schreib sogar einen Kommentar.
Irgendwie schön, sich Zeit zu nehmen.
Danke für den Hinweis!
Mit prickelnden Grüssen
Martin
@Mabacher: Waren die Sätze hier jetzt kurz oder lang für Dich?
Ich weiss es ehrlich nicht. Ich und kurze Sätze. Das ist nämlich so ein eigenes Verhältnis. Für meine “normalen” Verhältnisse waren die Sätze heute ultrakurz!-)
RT @MartinSchimak: Gebloggt: Keine Zeit. Querlesen. Die Sache kippt. http://bit.ly/f7fCEL
Nein, ich fand die Sätze sehr knapp und knackig! Darum ging’s auch schön zu lesen.
Na bitte. Da gelingt mir ja langsam etwas, das ich eigentlich nie konnte. Wird ja doch noch ein Blogger aus mir. Schönes Feedback, danke!
@Mabacher. Noch was: Du bringst ja hier einen positiven Aspekt ein, den ich schon deshalb im Rahmen meiner Tirade natürlich gar nicht erwähnen hätte können. Umso mehr möcht ich ihn jetzt unterstreichen: es ist *schön* sich für die Dinge, die man tut wirklich Zeit zu nehmen.
Stimmt 100%. Und ist übrigens meiner Erfahrung nach auch eine Grundvoraussetzung für http://de.wikipedia.org/wiki/Flow_%28Psychologie%29
Ich stelle mir gerade die Frage, ob es überhaupt einmal eine Zeit gab, in der der Großteil der Leute immer verfügbar war oder ob die 50 % nicht kulturell sedimentierte, grundsätzliche Werte darstellen könnten. Schon als ich nur viele BrieffreundInnen hatte, gab es dieses unterschiedliche Antwortverhalten, und bei Handies ohnehin immer. Ich streite abern icht ab, was du feststellst, dass hier Größeres passiert. Obwohl ich nach wie vor denke, dass man hier auch ein wenig trennen kann: Nicht-Antwort-Verhalten auf allen Kanälen setze ich nicht gleich mit Schnelllesen, die gerade eine Strategie darstellen kann, mit dem eigenen Antwortverhalten im moralischen Einklang zu sein
(–>Zeit sparen). Wichtig wäre, sich Räume für jene oft nach innen gerichtete Genaugkeit zu schaffen.
Kennst du Hamlet’s Blackberry? Darin geht’s zwar eher um das Innen und Außen der Kommunikation, ist aber vielleicht auch interessant im Zusammenhang mit der Frage, was hier passiert und wie neu Informationsfluten und die damit verbundene Wendung nach außen denn so sind. Hält aber nicht ganz, was er verspricht, das Büchchen, aber zumindest geht’s ganz nett los
Es kostet ganz schön viel Kraft “gleich” zu reagieren. Man wird ja per Mail, Telefon, DM etc immer dann erreicht, wenn man eigentlich grad was anderes zu tun hat. Da muss man dann raus und sich auf etwas einlassen, in etwas hineindenken, aus dem Stegreif ein gerüttelt Maß Empathie aufbringen für etwas, das man gerade noch überhaupt nicht am Radar hatte. Wenn es sich um eine Nachricht handelt, die an viele gleichzeitig rausgegangen ist, liegt die Versuchung nahe, sich drauf zu verlassen, dass eh andere antworten werden. Wenn das schriftlich ist, wird es noch schwerer: im Gespräch eine gute Antwort finden ist viel leichter als das ausformulieren und aufschreiben zu müssen. Einen Gedanken zu formulieren ist nicht ganz leicht. Eine Reaktion darauf ist gefühlt noch mindestens doppelt so schwer. Face-to-face Kommunikation ftw
@Judy In dem Augenblick in dem man behauptet zu fühlen, dass etwas “kippt”, sich negativ entwickelt etc. sollte man sich immer hinterfragen: war das uU vielleicht doch eh “immer schon so”.
Ich denke nach und glaube: nein. Am deutlichsten spürbar ist es im Bereich eMails. Noch vor wenigen Jahren war es überhaupt kein Problem ein eMail mit drei bis fünf Absätzen zu schreiben und alle möglichen Gedanken reinzupacken. Auch wenn das Antwortverhalten (Geschwindigkeit) auch damals schon unterschiedlich war: man hat eine Antwort bekommen mit Zitat Absatz für Absatz und einem Eingehen auf die eigenen Statements.
Heute ist es eher so, dass in einem Mail mit einem Satz, der zwei blau unterstrichene Links beinhaltet der zweite Link bereits deutlich Gefahr läuft von einem Teil der Empfänger übersehen zu werden. Und so ein Kommunikationsverhalten macht das Leben einfach für alle Beteiligten sauschwer. Worauf kann ich mich als “Sender” denn noch verlassen, wenn ich EINEN Satz schreibe? Was wird der “Empfänger” sehen, was wird er wahrnehmen? Ist die Formulierung so, dass wenn man nur jedes zweite Wort wahrnimmt, die Botschaft immer noch rüberkommt?
Ich gebe zu: ein kleines bisschen überzeichnet. Aber keineswegs mehr unrealistisch. Kommt genauso in der Praxis vor. Und zwar zwischen hochgebildeten Menschen.
Hamlets Blackberry kenn ich leider nicht. Danke für den Tipp!
@Markus: niemand verlangt “gleich” zu reagieren, auch wenn das in einem Arbeitsumfeld für gewisse Dinge nötig ist. Aber ich verlange überhaupt zu reagieren. Auch von mir. Es passiert mir oft genug, dass ichs nicht schaff.
Aber grundsätzlich läge der Vorteil “asynchroner” Kommunikationstools wie eMail und Twitter DM ja darin, dass man sich nicht sofort stören lässt, aber sie eben regelmässig checkt. Und was es eben, wenn man das dann checkt gar nicht bringt: alles was länger als 1 sec Nachdenken benötigt aufzuschieben. Es wird liegenbleiben und der andere wird frustriert sein. So zerstört man auch seine zwischenmenschlichen Beziehungen Schritt für Schritt btw.
@Martin:
Mit dem Antwortverhalten bei Emails geb ich dir 100% Recht (Zitate – sehr toll!). Vielleicht kann man es wirklich auch auseinanderdröseln – sorry, wenn ich hier ein wenig insistiere
Das eine ist media literacy, Lesefähigkeit, Konzentrationsfähigkeiten, all das, das andere Kommunikationskulturen (damit meine ich das “nicht immer antworten müssen), und klar hängen die sehr wohl zusammen und sind zeitabhängig. Verschiebungen innerhalb der Medien gibt es immer, ganz unabhängig davon, welche Konstanten man im “das ist jetzt nicht so toll” denn jetzt sehen mag (etwas wirr, aber ich glaube, du kannst das schon entschlüsseln)
Zum einen ist Querlesen eine benötigte Fähigkeit, um seine Kommunikationsanforderungen – nämlich überhaupt zu reagieren! – zu halten, das Wichtigste herauszudestillieren. Zum anderen brauchen wir mehr denn je die Reflexion über bestimmte Textsorten, die bestimmte Lesarten erfordern. Will sagen: Ich sollte die Scan-Methode, die ich z.B. bei Twitter etc. anwende, nicht auf Blog-Artikel und schon gar nicht immer auf Bücher übertragen. Oft hilft da ein Anpassen der äußeren Umgebung (dazu zählt die Hängematte ebenso wie das Schließen von offenen Tabs…)
Ich sehe eine Verstärkung bereits vorher bestehender “Probleme”, die hier geschieht. Und für die zwischenmenschliche Kommunikation wird das nicht unbedingt leichter, mehr denn je musst du je nach Person bestimmte Medien auswählen.
Was sich auch verändert ist die Länge von Texten, die sich mehr in zeichenbeschränkte Felder verlagert. Forumsdiskussionen nehmen (subjektives Gefühl) ab, weil Status-Updates mehr werden. Das geht notgedrungen auf Kosten der Tiefe. Wir hätten ja prinzipiell alle Möglichkeiten dazu, die Mehrheit entscheidet sich nur nicht dazu.
Und hier wieder dieselbe Frage: Waren es quantitativ vielleicht früher einfach insgesamt weniger TeilnehmerInnen, aber dennoch ein quantitativ ähnlicher Stamm jener, die Freunde an längeren Online-Diskussionen haben? Von wievielen Leuten hast du E-Mail-Zitate bekommen? Und, wichtigere Frage: Was bekommst du stattdessen heute Konstruktives? (z.B. hier?) LG Jx
@Judy: sehr viel interessante Gedanken drin. Und auf Differenzierung des Gesagten hoffe ich natürlich immer, dass die in den Comments stattfindet.
Super danke.
Zum Querlesen, das Du als wichtige Fähigkeit beschreibst: das sehe ich genauso. Ich beobachte allerdings in sich verstärkendem Ausmass, dass der Sinn nicht oder falsch erfasst wird, wenn es darauf angekommen wäre. Das ist dann eigentlich eine falsche Anwendung von Querlesen, wie Du eh auch mit anderen Worten schreibst.
Zum zweiten Teil möchte ich sagen, ich bin in keiner Weise Medien- oder gar Kulturpessimist. Im Gegenteil. Ich bekomm heute viel mehr an positivem Feedback und Inspiriation und neuen Beziehungen aus dem Netz als je zuvor. Aber das ist eine bissl andere Ebene als worums mir hier ging.
Ich bin mir übrigens recht sicher, dass der Grund dafür, warum dieser Beitrag zwar gelesen wird (sehe ich an den Statistiken) aber kaum retweetet und geliked wird, genau darin liegt. Man will seinen Freunden gegenüber eher nicht an etwas anstreifen, das bei schnellem Querlesen oder unzureichender Reflektion nur allzuschnell als Schirrmacherei ausgelegt werden kann. Find ich auch spannend und hab ich sogar fast so erwartet. These: geliked wird tendentiell nur, was “eindeutig” likebar ist, eher nichts was “ambivalent” sein könnte.
(PS: Das noch: Auf eMails ausführlich unter Zitierung des vorangegangen Mails zu antworten war bis vor einigen Jahren gang und gäbe, allgemeines Kommunikationsverhalten.)
Das mit den e-mails interessiert mich jetzt. Warum hat sich das aufgehört? Quote-Kultur in Foren gibt es ja noch durchaus, warum nicht in e-mails?
Ich finde das übrigens wenig ambivalent (like³!) Du sprichst es schon im zweiten Satz an, bis dahin sollten die meisten Leute ja kommen
Vielleicht gibt es einfach a) eine gewisse Quantitätsgrenze an Textmasse, die sich jetzt über mehrere Kanäle verteilt
JournalistInnen würden hier sage, gute Texte werden auch lang gelesen. Dennoch liest nur jeder 6. Internet-User einen Text zuende, und das läge an Unschärfe oder dem Blendeffekt. (http://www.slideshare.net/heike.haefele/internet-texte-die-gelesen-werden-iw09)
Hier wehre ich mich persönlich gegen die Notwendigkeit zur Verkürzung der Texte in jedem Bereich (PR okay aber nicht überall; es gibt Textsorten, die sollen auch online lang bleiben dürfen!). Und ich schreibe immer noch tendenziell längere E-Mails als die meisten Leute, auch wenn ich weiß, dass ich damit die Lesefähigkeit oder das Zeitkontingent von Menschen schon stark strapaziere. Das ist wohl egoistische Liebe zum Text.
Aber die Vernetzung macht die Wahrscheinlichkeit eines Abdriftens in einen anderen Text schwierig, und damit wirkt es für mich mehr als Aufmerksamkeits- und Strategiefrage als ability.
Wie sieht’s denn aus mit dem Faktor Tippgeschwindigkeit beim Schreiben? Denn nicht nur Rezipieren ist ja hier interessant.
Ich meinte natürlich die Vernetzung macht das Abdriften einfach, nicht schwierig
@Judy Ich behaupte nicht dass die Quote-Kultur in eMails ganz weg ist. Aber ich komm mir zunehmend altmodisch vor, wenn ich drauf beharre. Die zunehmend typische Reaktion auf ein eMail ist ein Satz gefolgt von dem Quote des kompletten eMails. Wenn dann in dem einen Satz genau auf einen von drei Anliegen so eingegangen wird, dass klar ist, dass die genannten Aspekte nicht zur Kenntnis genommen wurden bleibt der Sender mit allen drei Anliegen auf der Strecke. Und es heisst: zurück an den Start. Die Zeit die dabei auf beiden Seiten verbraucht wurde ist völlig verschwendet und der nächste Versuch die Fragen vielleicht doch zu klären, zB face to face wird vermutlich in Koordination und Durchführung noch viel viel aufwendiger als das normale Eingehen auf eine drei Absätze umfassende schriftliche Nachricht je sein kann.
Das mit der Unschärfe und Blendeffekt etc glaub ich sofort. Wenn man sich das Display des Amazon Kindle und des iPhone4 ansieht, dann kann man erahnen wo die Displaytechnik in spätestens 10 Jahren sein wird. Bei Vielfarbdruck HiRes Papier Perfektion ohne jede Blendung.
Die egoistische Liebe zum Text. Gefällt mir sehr. Vor allem die Herausarbeitung des egoistischen (deshalb nicht schlechten aber eben trotzdem) Antriebs. Cooler, bissl selbstkritischer Punkt.
Tipp- und vor allem Formuliergeschwindigkeit ist enorm wichtig. Ich glaube, hoffe das klingt nicht vermessen, dass mir dabei fast alle meine schriftlichen Kommunikationspartner unterlegen und nur eine Handvoll ebenbürtig sind. Dementsprechend “aufwendiger” ist die Sache natürlich für sie, ganz neutral betrachtet. Es kann nicht jeder alles können…
Muss dem jetzt noch einen Satz hinzufügen Judy. Die Erkenntnis, dass etwas, das mir ziemlich leicht fällt ich deshalb nicht von anderen erwarten darf, schon gar nicht von zB tendentiell einsilbigen Softwareentwicklern mit denen ich ua. zu tun hab. Das hilft mir jetzt sehr, so banal es klingt, wenn mans mal deutlicher sieht… danke dafür, echt. Es wäre ja simpel so als ob sie von mir erwarten würden, dass ich alles kann, was sie können.
ich hab deinen Text sehr aufmerksam gelesen, wie eigentlich alle Texte von dir, bis auf den über Flattr – weil der mich nicht interessierte.
Ja, es ist frustrierend, man gibt sich mühe, feilt am Text egal ob Blog oder Email und dann bekommt man nix oder eine unzureichende Antwort. Gerade auch bei Bewerbungen für einen Job ist es oft so. Ich feile desöfteren sehr lange an einem Comment zu einem Blogpost herum, weil ich meist annehme, dass der Schreiber sich Mühe gegeben hat (auch wenn er Fehler enthält, weil ich da manchmal vor lauter Ausbessern die Übersicht verliere…). Letzhin wollte ich zu deinem Kanzlerblogeintrag was bloggen, nur hab ichs dann lassen, weil ich ihn durch Stress eher später entdeckt habe und das was ich mir denke eigentlich schon mehr oder weniger gesagt wurde.
nun ich muss dem @Christoph Chorherr widersprechen – es gibt sehr wohl Dinge die ein face to face Gespräch stören. Dieser Kommunikationskanal wird durch andere Kommunikationskanäle zerstört. Manchmal wenn ich mich treffe mit Leuten, läutet das Handy und ich warte und warte bis das Gespräch fortgesetzt wird.
Manchmal frage ich mich, wie Twitter und Medien mit sehr vereinfachter Sprache wie Krone, Heute und Österreich unsere Sprache sehr fragmentieren können. Bei mir selber frag ich mich, wie fragmentiert mich Twitter bzw. der Stress der letzten Zeit. Ich merke es selber, wie lieblos ich meinen letzten Blogeintrag reingeschmissen hab ins Web, obwohl das Thema mir am Herzen liegt, obwohl ich mir geschworen habe, nur mehr mit Herzblut im Blog zu schreiben. Im Alltag muss man leider die Kommunikation reduzieren, damit man nicht unter die Räder kommt – leider, wie ich immer wieder bemerke.
@weltbeobachterin ich stimm dir teilweise zu, es ist mühsam, wenn Kommunikationskanäle unterbrochen werden. Auf Konferenzen z.B. sind aber die UnterbrecherInnen oft auch wirklich wertvolle BeiträgerInnen (Twitterati für Außenstehende, BloggerInnen), und da die Vortragenden das dann auch wissen, kann man, denke ich, diese kleine Unaufmerksamkeit im Kontext einordnen.
Gleichermaßen müssen wir lernen, diesen Schalter der Fokussierung umzulegen, wenn wir uns bewusst dafür entscheiden. Ich denke Bewusstsein ist hier einfach das Stichwort.
@Martin
Ich wollte diese Erkenntnis auch gerade schreiben, sie ist mir beim Yoga gekommen (gadget-freie Zone, da gibt es oft die besten Einfälle)
Ernsthaft: Gerade deshalb habe ich das Schnellschreiben angesprochen, weil es ein leicht messbares Kriterium ist für die unterschiedlichen Anstrengungsgrade, die wir so haben. Dazu kommen Sprachgewandtheit, Computer/media literacy, all das. Kennst du ja sicher.
Bei mir ist es z.B. so: Zwei Maschinschreibkurse, diverse Fern-Freundschaften (Chat!), und irgendwie auch so ein bisserl Talent. Will sagen: ich bin da auch recht schnell, das ist ein Vorteil, weil man oft tippen kann, wie man spricht (überzogen gesagt, aber vielleicht kennt man es bei Fast-Echtzeit-Chats). Und ohne das jetzt als besonders außergewöhnlich zu bezeichnen, ist es doch oft vielleicht ein Faktor, der mein Schreiben und damit die meiste meiner Online-Sprache einfach “gefügiger” macht.
Schreiben an und für sich ist, das darf man mit der Selbstverständlichkeit, die es meist auch ab einem bestimmten Bildungsgrad bedeutet, nicht gerade zu den Dingen, die der Großteil der Leute am Liebsten tut. (das finde ich im übrigen wieder ganz nett an Web 2.0 und Co, dass wir eigentlich schon mehr zu einer Schreibgesellschaft werden (könnten)). Im Gegenteil, für viele ist es eine Qual, wenn sie gleichzeitig doch auch Face-to-face oder Telefon haben könnten. Ganz zu schweigen dass für viele der nerd-Faktor einfach zu groß ist. Und das ist eigentlich auch okay. Die finden dich dann wieder seltsam und “minor”, weil du nicht begreifst, welche Muße du außerhalb der Schriftlichkeit/im Sport/im Kappen der Kommunikationskanäle/whatever haben kannst. Obwohl ich jeden verstehen würde, der sagt: nein, das ist Grundbestandteil einer literacy unserer Zeit. Und es ist ja auch ein klarer Vorteil, seine eigene Schriftlichkeit “managen” zu können – sonst könnten wir ja gleich alle diesbezüglichen Unterrichtsinhalte sterichen(lustigerweise komme ich aber auch blendend mit Leuten aus, deren Talente eher im grafischen Bereich liegen).
Und dennoch gehören die meisten meiner *engen* FreundInnen gerade nicht zu den Leuten, die bei wichtigen Mails nicht anworten können. Because they can. Or they want. Oder eine Mischung aus beidem
Jetzt bin ich aber doch etwas abgeschwiffen
@Judy: ja, Bewusst sein ist das Stichwort. Nur frag ich mich manchmal, wie bewusst kann man z.B. noch nach einem Arbeitstag höflich mit einem Kunden/Nutzer/Klienten umgehen. Und wenn es nur so was simples und Routine ist, wie “Grüß Gott / Guten Tag / Grüße Sie” und “Das macht X aus.” Irgendwann fehlt die Aufmerksamkeit natürlich um dran zu bleiben.
Du hast natürlich 100% recht mit den kostbaren Inputs. – manchmal gewinnt die Sache dadurch erst recht, den “Drive” wenn man sich ergänzt und da ist es sehr wohl sinnvoll bei Konferenzen, Vorlesungen, Unterricht und dergleichen. Ich denke ignoriert zu werden, kann ganz schön kränkend sein und das ist ja ein Bestandteil von Mobbing. Und ignorieren geht ja ganz gut, indem man einen anderen Kommunikationsweg einschlägt. –
bei unvollständigen Mails ist oft der Zeitmangel, Rationalität und Stress auch eine Ursache.
so seh grad erst, dass ich meinen Namen falsch geschrieben habe – ich hoffe dass passt jetzt
so jetzt aber
Hallo @weltbeo(b/a)ch(ach)terin!
Wir bewegen uns wohl zwischen diese beiden Polen: Steuerungsfähigkeit und der Verlust des Ruders. “Kommunikations-Souveränität” behalten: dort zu kommunizieren, wo man_frau möchte, und Bezogenheiten und Themen in einer Intensität zu managen, wie ich das möchte, d.h. aktiv zu priorisieren, innerhalb sozialer Konventionen. Und die verschiebt sich, wenn auf Massenmails nicht mehr geantwortet wird: man muss es heute nicht mehr.
Zeitmangel, Rationalität und Stress: Meinst du mit Rationalität ein Nicht-Eingehen auf Dinge, die emotionales Eingehen erforderten? Sind sehr relevante Punkte. Aber vielleicht auch ein wenig Nicht-Priorisierung und Gewohnheit (letzteres meine Sorge: dass wir über die Gewohnheit auch Potentiale verschenken…)
Information literacy und Informationskompetenz (+ alle benachbarten Kompetenzen) sind gute Stichpunkte
Weniger optimistisch könnte man sich diese Kompetenzen z.B. nach Pisa ansehen, aber ich vermute mal, an der grundsätzlichen Lesekompetenz liegt es nicht. Nur kommt man mit Querlesen auch nicht zu ner höheren Stufe
http://www.lernkompetenz.th.schule.de/doc/PISA.pdf
@Judy
in der Steinzeit war es sicherlich noch am einfachsten… dass man sich nicht missversteht.
nun, ja so ungefähr kommts hin – weil viel zum tun, sind knappere Auskünfte oft besser – Nun, ich meine so Dinge die man nicht dazusagt, weil es die betreffende Person sowieso nachlesen könnte. Gewohnheit ist es bei mir noch nicht. Eher die Tatsache, dass die Person genug Information Literacy hat um das selber zu rausfinden. Die Situation war wahrscheinlich, dass ich mich doch zu sehr auf die Informationskompetenz des anderen verlassen habe – weil um was es ging sehr wohl gut sichtbar ist und leicht zu finden wäre. So wie die Butter im Kühlschrank, die die Männer nicht finden.
aber durch Erfahrung zu lernen ist ja auch Informationskompetenz. Neben den jetzt immer wichtiger zu werdenen Filterung des notwendigen. – nicht immer eine einfache Aufgabe
Ja, das passiert mir auch oft, dass ich zu sehr voraussetze, was Leute nachschlagen könn(t)en. Sollte man vielleicht wie im Journalismus halten: dass es letztendlich auch diskriminieren kann, wenn man zuviel voraussetzt. Muss man wohl je nach Kontext abwägen, wieviel Nachlesen man voraussetzen kann.
n8i
Gute Frage, worin der Reichtum unserer Gesellschaft liegen soll, wenn wir keine Zeit mehr zum Leben haben?
Selbst unter Lohnarbeitslosen Menschen sind derartige Phänomene zu beobachten, denn die werden durch sinnlose AMS-Zwangsmassnahmen soweit beschäftigt und unter Druck gesetzt, dass sie nicht dazu kommen sich zu organisieren und auch mit wenig Geld gemeinsam ein gutes Leben zu organisieren.
Der letzte Ausstieg aus der “Hochleistungsgesellschaft”, die Invaliditätspension, wurde übrigen von der Öffentlichkeit grossteils unbemerkt durch die Budgetbegleitgesetze verbaut, denn nun wird eine Zwangsreha vorgeschaltet, auf dass mensch umgeschulterweise wieder am freien Arbeitsmarkt die hoffnungslose Jagd auf einen Job aufnehmen “darf”.
(http://www.aktive-arbeitslose.at/belastungspaket_2011_asvg-novelle_stellungnahme.html). Der Wust an Budgetbegleitgesetzen, die garantiert von keinem Abgeordneten ganz gelesen wurden, sorgt nach dem Motto “Speed kills” dafür, dass wir gar nicht mitbekommen, wie die Schrauben weiter festgezogen werden.
So sorgt der repressive Sozialstaat mit seiner ausufernden Verfolgungsbetreuung dafür, dass es immer schwieriger wird aus dem Hamsterradl der modernen Sklaverei auszubrechen.
Ein erster Schritt zu mehr Freiheit ist den Fernseher zu entsorgen und sich aus allen Mailinglisten auszutragen, wo diskutiert wird und den neumodischen Kommunikations- und Konsumquatsch wo es nur geht zu vermeiden (ich hab kein Geld und das iphone geht mir überhaupt nicht ab ebenso das Auto und viele s andre auch) bzw. rein zweckorientiert und punktgenau einzusetzen.
Simplify Your Life ist nicht ohne Grund der Titel eines recht erfolgreichen Buches, dass offenbar aber noch nicht so ganz in die Lebenspraxis eingedrungen ist.
Bei den guten alten Griechen konnte noch so manch konsumverweigender Mensch als Philosoph (Diogenes!) weltberühmt werden. Heute schon fast undenkbar …
und ich bin wahrscheinlich einer davon, der auf solche VIELEN Emailanfragen nicht mehr reagiert.
Wozu?
Früher ging deswegen alles schneller, weil es nur das Telefon gab. Es genügte ein Anruf und man klärte alles in einem Aufwaschen. Eine Email dauert länger zu schreiben, und wenn Fragen zum Abklären auftauchen, dauert das nochmals so lange. Das NERVT einfach.
Genauso verhält es sich mit Skype, und allen möglichen Chattools.
Deshalb, sobald berufliche Dinge geklärt werden sollen, muss jeder bei mir anrufen.
oder ein face2face Gespräch klärt auch alles sehr rasch.
Dass man keine Zeit mehr dazu hat, ist eine reine faule ausrede! Die Zeit, die durch Email, Skype, Twitter, usw. verplempert wird, nimmt man gar nicht mehr so intensiv wahr, weil man seinen Hintern nicht bewegt.
@Sigi
Wenn das Anliegen ein zB berufliches ist und/oder für beide Seiten wirklich wichtig ist, dann telefoniert man eh oder trifft einander. Das Problem tritt eher mit all den anderen, etwas weniger wichtigen oder etwas weniger dringenden Dingen auf, die halt aber auch alle irgendwann mal doch geklärt werden wollen.
Und ja, die nerven dann ziemlich.
Lg!
weniger wichtige Dinge sind dann also private Dinge?
also das kenn ich auch, dass manche z.B. per sms Fragen stellen. ich ruf dann meist zurück & wenn die person nicht abhebt sprech ich eben auf die Sprachbox. sms Chat mach ich nur, wenn ich wirklich Zeit hab, also ganz selten.
Ich glaub es ist immer auch eine Sache dessen, wie man sich selbst die Zeit für welche Prioritäten legt und welchen Kommunikationskanal man den anderen vorschlägt bzw. auf welchen man einfach eingeht. Es merken die anderen sowieso, wie man weniger kommunizieren möchte. da muss man eben etwas strenger auftreten.
und sobald es eine Gruppe betrifft, wo z.B. doodle zum Einsatz kommt, ist die wahrscheinlichkeit hoch, dass mehr als die hälfte der leute sich nicht dazu einträgt. Es kommt auch da darauf an, und unterscheidet am Besten nur in zwei Kategorien: ist es wichtig >> dann griff zum Telefon. ist es gar nicht wichtig >> dann soll es so sein, wie es ist. und man ärgert sich weniger.
aber klar, hab das bei softwareprojekten auch schon erlebt, wie minimal Arbeiten oder Feedback zurückkommen, und das Meiste an einem hängen bleibt. Da hilft nur eines: denen in den Hintern zu treten (auch wenn es Freunde sind, ist das trotzdem wirksam und vor allem ehrlich), oder sich beim nächsten Mal andere Leute zur Zusammenarbeit zu suchen. Chaoten brauchen den Tritt in den Allerwertesten, sinnbildlich.