Autorenarchiv

»

Zur Halbzeit ein Chorherr.

15. Oktober 2011 8 Kommentare

Christoph Chorherr hat ein Buch geschrieben. Sein erstes. Wenn man dieses lesen möchte nicht hier klicken, denn hier bei mir kann man ein signiertes Exemplar bekommen – nach Ablauf der Sperrfrist am 17. Oktober.

Ich möchte nicht direkt über das Buch schreiben dessen frischen Vorabdruck ich gerade in Händen halte – könnte ich auch nicht, denn ich habe es selbst noch nicht gelesen. Stattdessen schreibe ich über ihn und mich: Christoph Chorherr hat mich verändert – und ich wage zu glauben: ich habe ein wenig auch ihn verändert. Und sein Buch heißt jetzt: “Verändert! – Über die Lust, Welt zu gestalten.” Das ist doch schon mal was.


(Credits to Allie_Caulfield according Creative Commons BY 2.0)

Christoph Chorherr ist einer dieser beweglichen Geister, die sich ständig verändern. Manchmal – so vermute ich – fast ein bisschen mehr als ihm selbst lieb ist. Denn sich laufend zu verändern heisst auch laufend Abschied nehmen zu müssen. Und Abschied führt immer ein Stück in die Einsamkeit. Aber trotz oder gerade wegen seiner einsamen Beweglichkeit, dieser seltenen Offenheit, beharrt er auch auf seiner Gabe den Geist zu fokussieren. Und es gibt da ein paar Dinge auf dieser Welt, die ihn “narrisch” machen. Auf die schon lang fokussiert gehört. Umwelt, Energie, Bildung, Demokratie. Und jetzt gibt es sein Buch dazu.

So ein Buch – die in ihm enthaltenen Gedanken – sind nie “fertig” – vielmehr dienen sie gerade in ihrer Unfertigkeit seiner “Lust, Welt zu gestalten”. Christoph Chorherr hat den Mut “unfertige” Gedanken zu äußern. Er glaubt nicht an “Fertiges”, sondern an “Bewegung”. Indem er Dinge die ihn “narrisch” machen öffentlich anzettelt, regt er vor allem auch zum “selbst weiterdenken” an. Bei einer lustvollen Diskussion muss für ihn nicht hinten rauskommen, was vorne reingegangen ist.

Ich denke, wir leben derzeit gerade in diesen von ihm angezettelten Fragen “zur Halbzeit”. In der ersten Halbzeit haben wir die Mittel in die Hand bekommen globale Diskussionen zu entfachen. In der zweiten Halbzeit werden wir sie entfachen. Insofern kommt die Lust, Welt zu gestalten auch mit der Möglichkeit das zu tun. Wir leben bereits mitten in dieser Zeit. Noch zögern wir vielfach – oder meinen zögern zu müssen.


(Credits to Wikimedia Commons)

Auch in meinem Leben ist – wenn mir der Schiedsrichter nicht unerwartet die Rote Karte zeigt – ungefähr Halbzeit. Und wenn ich aus heutiger Perspektive auf diese erste Halbzeit zurückblicke, dann erkenne ich darin zwei Viertelzeiten. Die eine Hälfte meines bisherigen Lebens verbrachte ich in einer Welt recht stabilen sozialen, politischen, technologischen Fortschritts. Aber noch gegen Ende jener Viertelzeit war man als Inhaber eines sogenannten Wiener “Viertelanschlusses” von der Aussenwelt völlig abgeschnitten sobald der Nachbar zwei Halbzeiten lang mit der schwerhörigen Großmutter telefonieren musste. Denn an “öffentlicher Kommunikation” war da ja sonst im wesentlichen nur noch: das Match im Fernsehen – und die Sirenenprobe samstags um 12 Uhr. Meine zweite Viertelzeit begann daher ziemlich genau damit, dass ich meinen Festnetzanschluss nicht mehr mit drei Nachbarn teilen musste. Was dann aber passierte übertraf meine kühnsten Erwartungen. Der Kommunismus brach global zusammen? Sicher. Asien stieg in grossem Maßstab in den Kapitalismus ein? Ja auch. Vor allem aber darauf kommt es mir hier an: der Fortschritt der Informations- und Kommunikationstechnologien nahm ein disruptives Ausmaß an.

Mitten in meiner zweiten “Viertelzeit” stiess ich an meinem Geburtstag zufällig auf den noch relativ frischen Blog des Wiener Grün-Politikers Christoph Chorherr. Ich spielte mit dem Gedanken, eine Frage zu stellen, die mich schon länger umtrieb. Ich erinnere mich: obwohl schon damals ausgesprochen “internetaffin”, war es eine grosse Überwindung für mich, mich öffentlich zu äussern. Aber ich war ja auch ein Kind der Fernsehgeneration. Würde mir denn jemand antworten, wenn ich mit der Mattscheibe sprach? Erfahrungsgemäß machte man sich damit ja vor allem lächerlich. Dennoch fragte ich – und weil es so ein bisschen eine grüne Tabufrage war wurde ich auch prompt von einem trollenden Sympathisanten “der Seite verwiesen”. Aber Christoph Chorherr antwortete – und zwar gleich mit einem neuen Blogeintrag. Das fand ich cool – es entwickelte sich eine direkte, öffentliche Kommunikation eines “Bürgers” mit “seinem” Politiker. Umwelt, Energie, Bildung, Demokratie. Manchmal machten mich seine Statements richtig “narrisch” – und manchmal meine ihn auch. Manchmal waren wir einer gemeinsamen Meinung, aber fürwahr nicht immer. Weil ich mich vorzugsweise mit den zwischen uns kontroversen Themen auseinandersetzte nannte mich Christoph Chorherr in einem Interview einmal seinen “kritischsten Blogkommentator”. In einem Zeitungskommentar über die mögliche Stoßrichtung einer umfassenden Verfassungsreform verlinkte er einmal direkt auf meinen Kommentar in seinem Blog. Christoph Chorherr kann man ändern – und er verändert.


(Credits to steffenvogel according Creative Commons BY-NC-SA 2.0)

Zweite Halbzeit. Ich persönlich vermute, dass das Ausmass der Veränderung, das in der zweiten Halbzeit auf uns zukommt alles in der ersten Halbzeit gesehene massiv übersteigen wird. Wir werden einen “schwarzen Schwan” nach dem anderen sehen – und vielleicht noch einige bunte obendrauf. Die „Schwarze-Schwan-Theorie“ – und hier zitiere ich einen Satz aus Chorherrs Einleitung – “wurde vom libanesischen Philosophen und Mathematiker Nassim Taleb entwickelt. Ein ‘Schwarzer Schwan’ ist ein Ereignis, das so gut wie nicht vorhersehbar ist, außerhalb der gängigen Vorstellungskraft liegt und extreme, tiefschürfende Auswirkungen hat. Ein derartiger ‘Schwarzer Schwan’ waren zum Beispiel die Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001, aber auch die Erfindung des Internet.”

Um hier ein Beispiel zu nennen, bei dem Christoph Chorherr wohl recht anders denkt als ich: ich persönlich glaube instinktiv eher an eine disruptive, alles bisher gedachte über den Haufen werfende, umfassende “Lösung” der Energiefrage als an die von Grünen oft geforderte “Zurücknahme unseres verschwenderischen, exzessiven Lebensstils”. Ich glaube eher nicht an den Fortschritt der Marke “klein und langsam”, sondern erwarte eher einen der Art “groß und schnell” (zB ein 100% umweltfreundliches Anzapfen der Einstein’schen Formel E=mc2). Sowas wäre ein echter schwarzer Schwan, denn nach einem Paradigmenwechsel in dieser Frage würde wahrlich kein Stein auf dem anderen bleiben.

Damit bin ich bei den zwei signierten Büchern. Ich werde sie unter jenen vergeben, die mir hier als Kommentar oder als verlinkender Blogbeitrag ihre persönliche Vision eines “Schwarzen Schwans” posten. Meiner Erfahrung nach beschäftigen viele Menschen solche Gedanken – irgendetwas von dem sie ziemlich einsam und alleine vermuten dass es kommen wird, oder etwas bei dem sie mit dem Gedanken spielen, dass es kommen könnte. Solche Dinge äußern “vernunftbegabte” Menschen eher selten, weil sie eben “außerhalb der gängigen Vorstellungskraft liegen”. Mein Appell: äußert Euch – öffentlich – auch weil ich sicher bin, dass so mancher eurer “Schwarzen Schwäne” nur dann Realität verändert (bzw. nur dann nicht Realität verändern muss…), wenn wir auch völlig unbelegbare Eindrücke miteinander teilen.

Gegen den Zynismus.

22. Februar 2011 4 Kommentare

Weil ich eine recht schweigsame Zeit habe möcht ich jemand anders sprechen lassen. Einige der größten Wissenschaftler und Philosophen, die die Menschheit hervorgebracht hat wurden auf österreichischem Boden geboren – wenngleich sie im späteren Leben des öfteren mal das Weite gesucht haben – oder suchen mussten. So auch Karl Popper, der das Land 1937 Richtung Neuseeland verließ: “Popper musste seine Familie, die damals kranke Mutter, seine Schwester, Onkel, Tanten und Nichten zurücklassen. Sechzehn Familienangehörige wurden bis 1945 von den Nationalsozialisten ermordet.” (Wikipedia)


Karl Popper im Jahr 1990 (Public Domain Picture der Wikimedia Commons)

Hier ein paar – für mich höchst aktuell und provokant gebliebene – Passagen aus einer 25 Jahre alten Rede, mit der er sich “Gegen den Zynismus in der Interpretation der Geschichte” wandte (Textauszüge übernommen von Helmut Zenz):

Die zynische Geschichtsauffassung sagt, daß es – in der Geschichte, wie auch überhaupt – immer nur die Gier ist, die regiert: die Habsucht, die Geldgier, das Gold, das Öl, die Macht. So war es, sagt der Zyniker, und so wird es wohl immer sein; es ist so in der Despotie, und in der Demokratie ist es nicht viel anders – nur daß in der Demokratie die Heuchelei womöglich noch ärger ist. Ich halte diese Lehre nicht nur für falsch, sondern auch für unverantwortlich, gerade weil ein gewisse Plausibilität für sie zu sprechen scheint. Und ich halte es für eine dringende Aufgabe, sie zu bekämpfen.

Ich bin Optimist, der nichts über die Zukunft weiß, und der daher keine Voraussagen macht. Ich behaupte, daß wir einen ganz scharfen Schnitt machen müssen zwischen der Gegenwart, die wir beurteilen können und sollen, und der Zukunft, die weit offen ist und von uns beeinflußt werden kann. Wir haben deshalb die moralische Pflicht, der Zukunft ganz anders gegenüber zu stehen, als wenn sie etwa eine Verlängerung der Vergangenheit und Gegenwart wäre. Die offene Zukunft enthält unabsehbare und moralisch gänzlich verschiedene Möglichkeiten.

Ich muß die Hauptpunkte meines Optimismus sofort näher erklären:

1. Ich wiederhole noch einmal: Mein Optimismus bezieht sich ausschließlich auf die Gegenwart und nicht auf die Zukunft. Ich glaube nicht, daß es so etwas gibt wie ein Gesetz des Fortschritts. Es gibt das nicht einmal in der Wissenschaft; auch nicht in der Technik. Der Fortschritt kann nicht einmal als wahrscheinlich bezeichnet werden.

2. Ich behaupte, daß wir im Westen gegenwärtig in der besten sozialen Welt leben, die es je gegeben hat – und zwar trotz des Hochverrates der meisten Intellektuellen, die eine neue Religion verkünden, eine pessimistische Religion, dergemäß wir in einer moralischen Hölle leben und an physischer und moralischer Verschmutzung zugrundegehen.

3. Ich behaupte, daß diese pessimistische Religion nicht nur eine krasse Lüge ist, sondern daß es nie vorher eine Gesellschaft gegeben hat, die so reformfreudig war wie unsere …

4. Diese Reformfreudigkeit ist das Resultat einer neuen ethischen Opferbereitschaft, …

Was die Zukunft betrifft, so sollen wir also nicht versuchen zu prophezeihen, sondern nur versuchen, moralisch und verantwortlich zu handeln. Das macht es aber zur Pflicht, daß wir lernen, die Gegenwart richtig zu sehen und nicht durch die farbige Brille einer Ideologie. …

Die politische Freiheit – Freiheit von Despotie – ist der wichtigste aller politischen Werte. Und wir müssen immer bereit sein, für die politische Freiheit zu kämpfen. Die Freiheit kann immer verloren werden. Wir dürfen nie die Hände in den Schoß legen im Bewußtsein, daß sie gesichert ist. Die politische Freiheit ist eine Voraussetzung unserer persönlichen Verantwortlichkeit, unserer Menschlichkeit: Jeder Versuch, einen Schritt zu einer besseren Welt zu machen, zu einer besseren Zukunft, muß von dem Grundwert der Freiheit geleitet sein.

Keine Zeit. Querlesen. Die Sache kippt.

23. November 2010 42 Kommentare

So, jetzt schreib ich mir mal wieder was von der Seele. Dafür liebe ich meinen Blog besonders. Allerdings: ich muss mich kurz fassen. Superkurz. Andernfalls wird der Text nicht nur nicht gelesen werden. Sondern er wird selbst von den intelligentesten, sympathischsten, einfühlsamsten und überhaupt rundum besten Menschen die mich umgeben und meinen kleinen Blog hier (vorgeben zu) lesen völlig falsch interpretiert werden. Denn sie lesen keine ganzen Sätze mehr. Dort wo der Punkt eines Satzes ist reflektieren sie nicht mehr. Und wo ein Fragezeichen steht, stellen sie keine Fragen mehr. Finsternis macht sich breit. Da. Jemand schreit? Nein, es war nur meine innere Stimme.


(Art Credits to brenda-starr according Creative Commons BY-NC-ND 2.0)

Wenn ich ein eMail an mehrere Leute schreibe (und mich kurz dabei fasse) kann ich sicher sein, dass von der Hälfte keine Reaktion kommt. Wenn ich in einem Projekt zum Interessensabgleich eine Doodle Umfrage starte, für die man den fünfzeiligen Einleitungstext lesen muss, um sie zu verstehen, kann ich sicher sein, dass sie nicht verstanden werden wird. Wenn ich einen Blogbeitrag mache, in dem ich einen etwas anspruchsvolleren Gedanken ausführlich beschreibe, kann ich sicher sein, dass ich ihn in den Comments wiederholen muss (was ich gerne tue). Wenn ich einen Online Artikel lese kann ich sicher sein, dass ihn 80% der direkt darunter Kommentierenden nicht gelesen haben. Wenn ich einem vielbeschäftigten Menschen, der via Skype online ist eine kurze Frage stelle, ist die Chance mehr als intakt, dass die Reaktion solange dauert, dass ich mit meiner Arbeit und meinen Gedanken längst ganz woanders bin. Wenn ich anrufe, kann ich sicher sein, dass mit recht hoher Wahrscheinlichkeit nicht abgehoben wird oder spätestens nach dem zweiten Halbsatz gesagt wird: “Du, das müssen wir später in Ruhe besprechen”. Gut, gerne, denn ich bin ja ein freundlicher Zeitgenosse. Oder versuche einer zu sein.

Allein: das “später” findet in wiederum mindestens 50% aller Fälle nie statt. Es sei denn ich versuchs halt wieder. Und dann nochmal. Und das geht nicht nur auf meine Zeit, sondern fällt natürlich tendentiell auch zwischenmenschlich auf mich zurück. Man ist schliesslich schon lästig, nicht wahr? Das ist der Teufelskreis, in dem wir mittlerweile fast alle stecken (und ich nehm mich da gar nicht aus, bin selbst um keinen Deut “besser”!): wir verlieren Unmengen an Zeit, weil wir uns die benötigte Zeit nicht mehr nehmen (können?). Absurd. Und dennoch Fakt. Glaub ich. Wir verlieren weiters Unmengen an Zeit, weil wir nur noch die Dinge gleich tun, die sich in 30 Sekunden erledigen lassen. Alles andere kommt nicht etwa in eine Warteschlange. Nein, es bleibt tendentiell liegen, weil sich alle 30 Sekunden neue 30-Sekunden-Dinge vordrängen.

Wenn ich was kurzes brauch und jemand ist über Twitter DM erreichbar, dann ist die Chance noch halbwegs intakt. Der Bonus der kleinen Community. Und daher für mich wiederum Ausdruck desselben Problems. Man weicht in Kanäle aus, die noch halbwegs funktionieren. Es ist aber nur eine Frage der Zeit (sic!), bis die auch verstopft sein werden.

Hätte ich starke Selbstzweifel könnt ich natürlich auch in mich gehen und sagen: das alles könnte ja auch einfach an DIR liegen. Die mögen Dich vielleicht nicht? Nö. Daran liegts nun wirklich nicht. Das was da passiert ist grösser. Umfassender. Und es wird nicht mehr allzulange dauern können, bis das grosse Pendel in irgendeiner Form zurückschwingt. Zumindest teilweise. In gewisser Hinsicht. Für manche. Bis dahin muss ich wohl noch durchhalten, sofern ich nicht vorher ohnehin wegen illegaler Schirrmacherei geklagt werde oder für den Wolo oder sowas nachnominiert werde und dann nichtmal mehr von meinen unerreichbaren Freunden gemocht werde.

Meine Güte, was bin ich arm.

Meine Kanzler. Gefühlt.

4. November 2010 27 Kommentare

Eigentlich bin ich ja gar kein Kulturpessimist oder so was. Und dann gibt es da Dinge, von denen ich einfach höchst subjektiv der Meinung bin, dass sie gefühlt immer schlechter werden. Mit dazu gehört das “politische Personal” im allgemeinen, aber weil es leichter ist das an Personen festzumachen, hab ich mich schnell hingesetzt und die Kanzler der Republik Österreich, die ich in meinem gar nicht mehr so kurzen Leben bisher “live” erleben durfte höchst subjektiv “bewertet”: wie nah war der jeweilige Kanzler (Frauen waren ja bisher leider keine dabei) am gefühlten Idealbild der Jobdescription eines Kanzlers?

Werd ich alt? Sicher, allerdings bin ich mit diesem Schicksal ja nicht ganz allein. Mich würde daher sehr interessieren, wie Ihr diese sieben Personen und ihre Eignung fürs Amt beurteilt – so weit ihr sie nicht mehr direkt erlebt habt zieht eben alles heran, was ihr so über sie wisst oder erzählt bekommen habt. Wenn ich Rückmeldungen bekomme (brauche zu jedem Namen einen Prozentsatz!) mach ich nochmal eine Grafik, aus der wir herauslesen können, ob nur ich alt werde oder ob wir alle die Vergangenheit verklären – oder vielleicht doch ganz realistisch sehen?

Wien ist… anders.

11. Oktober 2010 25 Kommentare

Ja, allerdings. Freilich aber auch etwas anders, als wir es in den Balkengrafiken gestern immer wieder vor Augen geführt bekommen haben. Ich weiss schon: für Politiker zählen nur die gültig abgegeben Stimmen – alles andere ist rechtlich irrelevant. Politisch freilich und vielleicht auch so ein bisschen zur gefühlten Einschätzung der Stadt in der wir alle leben ist es durchaus relevant mal einen Blick auf das “Gesamtelektorat” zu werfen: nämlich den Anteil der Parteistimmen gemessen an allen Wahlberechtigten. Und das sieht dann – nun nach Auszählung der grössten Tranche der Wahlkarten so aus:

Die Wahlbeteiligung ist in Wien schon fast traditionell niedrig. Das hat sicher viele Gründe, allen voran vermute ich: 1. Weniger “sozialer Druck” – in einer vergleichsweise anonymen Großstadt gehen nur die zur Wahl, die das aus eigenem Antrieb wollen, 2. nicht alle sind immer da – viele ziehts am Wochenende aufs Land raus oder sie sind gerade beruflich unterwegs, nur einem Teil davon ist die Wahl wichtig genug, um von einer Wahlkarte Gebrauch zu machen.

Und eine These: geringe Wahlbeteiligungen kommen monothematischen Parteien an den Rändern des politischen Spektrums stark zugute. Jene gut 15% der Wienerinnen und Wiener, die gestern FPÖ gewählt haben fühlen sich durch diese überdurchschnittlich gut vertreten und sind stark motiviert zur Wahl zu gehen. Unter den Nichtwählern würden sich wesentlich mehr Menschen als kleinstes Übel für eine der gemässigten Parteien entscheiden. So betrachtet kann man sich dann auch recht leicht ausmalen, wie eine FPÖ in WIen eines Tages auf 40% kommen kann: sie muss lediglich zB 5% mehr Wienerinnen oder Wiener davon überzeugen, dass fast alle ihre Probleme durch die Zuwanderung verursacht sind – sofern gleichzeitig die Wahlbeteiligung (aus vielleicht komplett anderen Gründen) auf 50% sinkt, kann sie gegen 40% der gültigen Stimmen kommen. Natürlich etwas zu schematisch und vereinfacht gerechnet, aber wie ich glaube von der Tendenz her durchaus möglich.