Rinks und lechts?
Die politische Linke und die politische Rechte sind weder obsolet, noch werden sie stetig verwechselbarer – weder ist die eine Weltanschauung richtiger als die andere, noch wird eine die jeweils andere überwinden. Vielmehr sind sie zwei Pole einer immerwährenden Auseinandersetzung, zwei Seiten einer unteilbaren Medaille, Yin und Yang, rechtshirniges und linkshirniges Denken, zwei grundsätzliche, einander bedingende und einander benötigende Antagonismen. Wir brauchen beide Weltanschauungen so nötig wie eh und je – um eine Balance zu finden, mit der es sich gut (über)leben lässt.

(Foto credits gemäss Creative Commons BY-NC-SA 2.0)
Wirft man in einer sich selbst nicht glasklar “links” oder “rechts” der politischen “Mitte” positionierenden Runde an Menschen heute die Frage auf, ob “links und rechts” noch sinnvolle politische Kategorien seien, dann bekommt man mit hoher Wahrscheinlichkeit die Antwort: “Nein”. Diese Art Unterscheidungen machten “alle miteinander keinen Sinn mehr”, sie seien doch “primär von historischem Interesse” und vernebelten “die heute relevante Debatte über Sachfragen”, die “nach dem aktuellen Interesse der Menschen” und daher “nicht entlang der politischen Katgorien des 19. Jahrhunderts” zu entscheiden wären.
Nun ja. Daran ist sehr vieles falsch. Und gleichzeitig einiges richtig.
Falsch ist die Vorstellung, dass die politischen Kategorien “rechts” und “links” als idealtypische Konzepte im Verschwinden begriffen seien oder gar eines Tages “weggehen” könnten, weil eben die eine Ideologie über die andere “obsiegen” würde. Mitnichten. Mir fallen auf Anhieb zwei Reibeflächen ein, deren konfliktträchtige Berührung die Kategorien “rechts” und “links” charakterisieren und die vermutlich niemals verschwinden werden. Konflikt #1: Mehr “Privat” oder doch lieber mehr “Staat”? “Rechts” zieht tendentiell mehr in Richtung “Privat” während “links” in Richtung “Staat” das grössere Lösungspotential ortet. Konflikt #2: Mehr “Freiheit” oder mehr “Gleichheit”? Geht es um diese beiden einander antagonistisch gegenüberstehenden und uns bis heute beschäftigenden Grundwerte der französischen Revolution, dann betont die “Rechte” im Zweifel die “Freiheit”, während die “Linke” sich vermehrt um die “Gleichheit” besorgt zeigt.
Ist man wie ich der Ansicht, dass die Konfliktlinien zwischen “Staat” und “Privat”, sowie zwischen “Freiheit” und “Gleichheit” eben nicht eindeutig auflösbar sind, sondern der politische Prozess den fortwährenden und niemals endenden Versuch des Ausgleichs zwischen diesen grundlegenden Gegensätzen darstellt, also eine gesellschaftlich akzeptable Balance zwischen den auf beiden Seiten unverzichtbaren Konzepten und Werten zu finden hat, dann muss man gleichzeitig auch zum Schluss kommen, dass “Rechts” und “Links” als politische Kategorien niemals verschwinden werden. Denn sie stellen die fortdauernd gesellschaftlich hochnotwendig bleibende “These” und “Antithese” dar, welche letztlich sicherstellen, dass wir zu einer sinnvollen “Synthese” kommen können, also einem gesellschaftlich sinnvollen Ausgleich einander letztlich unversöhnlich gegenüber stehender Werte. Weder Staat noch Privat sind allein seligmachend, weder Freiheit noch Gleichheit dürfen allein verherrlicht werden, weder die Betonung des “Gemeinsamen” noch die des “Einsamen”, weder der “Egoismus” noch der “Altriusmus” allein garantieren einen “sicheren Pfad ins Glück”.
Auf die gute, gefinkelte Balance kommt es an.
Es ist aber auch einiges richtig an der Vorstellung, dass die politischen Kategorien “rechts” und “links” als idealtypische Konzepte im Verschwinden begriffen seien oder gar eines Tages “weggehen” könnten. Das heisst genaugenommen: nein. Die Kategorien werden nicht verschwinden, aber die Menschen selbst werden immer indifferenter. Die Menschen, die klar sagen “ich bin links” bzw. “ich bin rechts” werden weniger. Und das ist auch gut so. Denn: die Entscheidung der Frage ob aus subkjektiver Sicht mehr “Staat” oder mehr “Privat” vonnöten ist, mehr “Freiheit” oder doch mehr “Gleichheit” in der konkreten Situation mehr Vorteile bieten könnte ist zunehmend weniger eine denklogische Konsequenz der “Klasse” der man angehört. Für immer mehr wird es schlicht zu einer Frage der guten Balance. Aus genau diesem Grund kann man auch auf globaler Ebene ohne weiters für mehr Regeln, mehr Ordnung, mehr Gleichheit eintreten und gleichzeitig der Meinung sein, dass dem kleinen Staate Österreich ein Abbau an Regeln ganz gut täte, dass es ein “Mehr” an privater Dynamik vielleicht ganz gut brauchen könnte und dass es die Freiheit der kreativen Entfaltung des Einzelnen zum Schaden der Allgemeinheit zunehmend ungebührlich einschränkt.
Am Rande muss uns eins im Zuge einer solchen Betrachtung jedenfalls immer klar sein: ebenso wie links der Mitte der Begriff “rechts” leider nur allzu flott mit “rechtsradikal” gleichgesetzt wird, geschieht rechts der Mitte ganz ahnliches: wähnt man sich erst dem “rechten Lager” zugehörig, dann kann man links der Mitte sehr rasch nur noch “Linksradikales” wahrnehmen. Insofern wird am Ende des Tages auch wieder verständlich, warum sich eine tendentiell grösser werdende Gruppe nicht mehr mit den Begriffen “Links” und “Rechts” identifizieren kann. Die mal mehr bewusste, mal mehr unbewusste Erkenntnis, dass die “Wahrheit” nicht allein auf einer Seite zu Hause sein kann, macht den Einzelnen im Angesicht simplifizierender Parteilogik vielleicht politisch “heimatlos”. In Wahrheit ist sie aber doch ein wesentlicher Schritt in Richtung höherer politischer Reife. Diese vergrössert das Lager der Wechselwähler – und ändert doch rein gar nichts daran, dass uns der vermutlich unüberwindbare Antagonismus zwischen “Links” und “Rechts” als sinnvolle politische Kategorie auch weiter erhalten bleiben wird.












