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Zersplittert die Parteienlandschaft.

16. November 2009

40 Jahre lang gab es – man weiss es heute kaum noch – auch in der DDR Wahlen. Freilich: Wahlen unter Ulbricht und Honecker waren eine Farce – und alle wussten es. Die Untertanen hatten lediglich die von der SED abgesegnete Einheitsliste der Kandidaten zu bestätigen, sonst nichts. Offiziell lagen die Ergebnisse der Parteibonzen und ihrer Günstlinge stets über 98 Prozent. Aber, die Frage sei erlaubt: ist es heute eigentlich wirklich gar so viel anders als damals?


(Foto Credits to kaptainkobold according Creative Commons BY-NC-SA 2.0)

Der wesentlichste Punkt von allen ist ganz anders als damals. Geht man nach der (mich überzeugenden) Popper’schen Definition von Demokratie als jener Staats- bzw besser Regierungsform, in der die Möglichkeit besteht, die Regierung gewaltfrei abzuwählen, dann ist auch klar: wir haben heute eine Demokratie. Und das einzige was die Deutsche “Demokratische” Republik mit einer solchen gemein hatte war die (vollständig missbräuchliche) Verwendung des Begriffs “Demokratie” in ihrem Namen.

Blickt man dann allerdings etwas mehr in die Tiefe unseres demokratischen Parteiensystems und fragt nach der demokratischen Qualität, die wir im sozusagen gerade eben noch monarchistisch, dann zwischendurch faschistisch geprägt gewesenen Österreich bis dato erreicht haben, dann lohnt der Vergleich mit den von der SED vorabgesegneten Kandidatenlisten wieder mehr. Zumindest, weil er vielleicht zum Aufrütteln geeignet ist: was machen wir denn wirklich mehr als die vorbestimmten Kandidatenlisten der Parteien am Wahltag noch zu bestätigen?

Aber kann man nicht auch diese überkritisch anmutende Frage ganz leicht wieder entkräften? Wir gewichten doch vor allem die Stärken der zur Wahl stehenden Listen untereinander! Und haben “wir” – das Volk, von dem doch laut Verfassung “alles Recht ausgeht” – damit nicht ohnehin das letzte Wort darüber, wem genau wir die Macht im Staat – schön zeitlich befristet – überlassen? Das Problem dabei: ja wir haben zwar das letzte Wort im Popper’schen Sinne – eine sich als völlig unfähig oder offen korrupt entpuppende Regierung könnten wir unblutig wieder loswerden – und gleichzeitig doch nein: sehr viel darüberhinaus haben wir nämlich nicht. Insbesondere haben “wir” – meine These – keine Politik, die in “unserem” Sinn – im Sinn einer Mehrheit von uns – agiert. Und zwar haben wir immer weniger davon, haben es immer seltener. Da ist ein neuer Faktor im Spiel, etwas das nicht “bedauerlicherweise halt immer schon so war”. Ein Faktor, der auch recht wenig mit einer Verschwörung der “internationalen Kapitalinteressen” oder der “multinationalen Konzerne” oder sonstiger vorzugsweise im Dunkeln agierender Mächte zu tun hat.

Der neue Faktor ist die enorm ansteigende und im 21. Jahrhundert ein kritisches Mass übersteigende Komplexität und Vielfalt unserer menschlichen Gesellschaft.

Was daran zunächst so schwierig zu begreifen ist: “Vielfalt” ist so ein schwammiger, ein für fast alles missbrauchbarer Begriff, was bitte soll nun so anders sein als früher, was genau ändert sich? Was sich ändert ist, dass unsere Interessen zunehmend nicht mehr entlang einiger weniger politischer Linien verlaufen. Wer “gestern” – im 20. Jahrhundert – die Roten wählte, der tat das weil er sich in einer industriell geprägten Welt der Arbeiterschicht zugehörig fühlte. Und 90% seiner fundamentalen LebensInteressen wurden durch die entsprechende Stimme auch in Politik kanalisiert, die in seinem Sinn war, in seinem Sinn sein musste. Wer heute die Roten wählt, der tut dies vielleicht weil er es a. gestern ja auch noch tat und b. die Roten zB für wertgesicherte Pensionen eintreten. Er fürchtet sich vielleicht aber gleichzeitig davor, dass dieselben Roten ihm via neuer Vermögenssteuern einen Teil seines mühsam angesparten und doch schlussendlich durchaus stattlichen Kleinvermögens anzapfen werden. Wer heute die Schwarzen wählt, der tut dies vielleicht, weil er sich als Kleinunternehmer einer von 90% Arbeitnehmern unverstandenen Minderheit zugehörig fühlt. Er schüttelt vielleicht aber gleichzeitig den Kopf über den Umgang derselben Schwarzen mit den Rechten von Schwulen und Lesben, die ihm persönlich, der er mit einem so verstandenen Christentum schon lange nichts mehr am Hut hat, doch eigentlich das Selbstverständlichste der Welt wären.

Am Wahltag darf jede Bürgerin und jeder Bürger des Landes ein einziges schwarzes Kreuz auf weisses Papier machen. Damit soll sie, soll er dann das eigene politische Wollen ausdrücken. Doch das geht schlicht und einfach nicht mehr. Und es geht immer weniger. Es gäbe theoretisch tausend Themen, die zu berücksichtigen wären. Am Ende reiben sich die Parteien aneinander auf, tauschen regelmässig viel mehr wechselnde Wähler miteinander aus als dies im Gesamtergebnis sichtbar werden würde. Kein Nullsummenspiel, aber nach dem Motto: Verlierst Du ein paar für den einen Topfen, verlier ich dafür ein paar für den anderen Quargel. Dass am Wahltag über das politische Wollen der Bevölkerung entschieden wird ist denkunmöglich, ebensowenig wie auch nicht über die politische Zukunft von 90% aller zur Wahl antretenden Politikerinnen und Politiker entschieden wird. Denn die mussten sich ihre Mandate ja bereits lange vorher sichern. Was die Wähler am Wahltag tun ist da ziemlich egal. Und die politischen Inhalte: müssen sich die Politiker, nachdem sie sich mit ein paar verschobenen Mandaten arrangiert haben auch selber stricken – und dabei freilich möglichst oft den völlig klar erkennbaren “Wählerwillen” für sich reklamieren. Wichtigste Leitlinie der Spin Doktoren: nie für irgendwas sein, für das schon ein anderer ist – da kann man sich am Wählermarkt nämlich nicht entsprechend unterscheidbar darstellen.

Und dann kommt die Zeit zwischen zwei solchen schwarzen Kreuzen auf weissem Grund: fünf Jahre vorprogrammierter Stillstand. Der ehemalige ORF-Generalintendant Gerd Bacher nannte dies im Rahmen eines Parlamentssymposions über Persönlichkeitsorientierung im Wahlsystem unlängst die Mikadopolitik: “Wer sich bewegt, ist tot”.

Ich stelle jetzt mal ein paar beispielhafte Behauptungen auf: ich behaupte “wir” und unsere bestinformierten Fachleute aller Couleur wissen aber längst,

  • welche ungefähren, groben Änderungen unser Bildungssystem benötigen würde. Längst könnten wir uns zB darauf geeinigt haben, dass eine gemeinsame Schule der 6-14 Jährigen bei geeigneter innerer Differenzierung dem gesamten Nachwuchs die besseren Chancen eröffnet, oder darauf die Arbeitsbedingungen der Lehrerschaft massiv zu verbessern, darauf die pädagogische Weiterbildung derselben zu intensivieren und gleichzeitig die mit den Kindern verbrachte Arbeitszeit anzuheben. Alle wissen wir, dass unsere Universitäten massiv besser finanziert werden müssen, und dass wir in Zukunft tendentiell mehr und nicht weniger Akademikerinnen und Akademiker brauchen werden. Jeder Spatz pfeift es heute vom Dach, dass standortautonome Entscheidungen sowohl im Bereich Universitäten als auch im Bereich Schulen ungeahnte kreative Kräfte freisetzen können, die momentan frustriert und unterdrückt werden, und und und…
  • welche ungefähren, groben Änderungen unser Sozialversicherungssystem benötigen würde. Längst könnten wir uns auf simple versicherungsmathematische Grundsätze verständigt haben, aus denen sich u.a. ergibt, dass wir nicht immer älter werden und trotzdem immer früher in Pension gehen können, oder darauf, dass eine schlaue Kombination aus Volks-, Umlage- und Kapitaldeckungspension alle Risken bestmöglich abdecken könnte. Längst hätten “wir” erkannt, dass das Risiko im Alter eine Pflege zu benötigen, uns alle gleichermassen trifft und eine allgemeine Pflegeversicherung das dafür benötigte knappe Prozent des BIP sauber finanzieren würde. Zumindest würden wir endlich die vergleichsweise kleinen Brötchen backen und würden alle Beamten inkl. Landesbeamten und Politikern pensionsrechtlich gleichstellen.
  • welche ungefähren, groben Änderungen unser Staatssystem als solches benötigen würde. Längst könnten wir uns daher zB darauf geeinigt haben, etwa die Gesetzgebungskompetenzen der Bundesländer abzuschaffen, wenn schon nicht die Bundesländer als solche, oder zumindest jene öffentlichen Rechtsträger (va Länder, Gemeinden), die die Ausgaben machen auch selbst für die entsprechenden Einnahmen sorgen zu lassen, oder die massiven Parallelstrukturen im Bereich der Gesundheitsverwaltung abzubauen (Stichwort Sozialversicherungsanstalten, Landeskrankenanstalten etc etc)

Vieles davon scheint angesichts grosser parteipolitischer Differenzen weiterhin völlig utopisch zu sein. Gleichzeitig – und dieses Gedankenexperiment ist mir wichtig – würd ich bei den meisten dieser Punkte darauf wetten, dass ein gut vorbereiteter und ausdiskutierter Reformvorschlag in der Bevölkerung eine ordentliche Mehrheit hinter sich versammeln könnte. Es gibt für mich einen roten Faden bei dem Ganzen: wir können uns nicht mal mehr auf die Dinge einigen, die eigentlich eine Mehrheit von uns längst will. Das hat System. Unser Problem: es sind je nach Sachfrage wechselnde Mehrheiten. Und je nach einzelner Frage über Parteigrenzen weit hinausreichende Mehrheiten. Es sind Mehrheiten, die freie Abgeordnete in gewissensfreien Abstimmungen erzielen könnten.

Es sind also Mehrheiten, die zwar existieren, aber unter den gegebenen Bedingungen nicht politisch realisiert werden können. Wie lebendig ist sie noch, unsere Demokratie?

Statt etwa Sozialversicherungsanstalten zusammenzulegen müssen wir uns mit einer Verwaltungsreform Marke “Grosse Koalition” begnügen (ja, genau jene Koalitionsform die alle paar Jahre genau deshalb gebildet wird, um die ganzganz grossen Brocken aus dem Weg zu räumen), als da wäre: Zusammenlegung der drei Wetterdienste von Bundesheer, Wissenschafts- und Infrastrukturministerium, eine Nonanet Massnahme, die bereits vor 10 Jahren diskutiert wurde. Aber man soll nicht unfair sein und daher die Schließung nicht mehr benötigter Heerestankstellen nicht vergessen… etc etc. 32 wichtige Punkte. Zusammen sollen 100 Mio Euro eingespart werden. Endausbaustufe. Vielleicht.

Weil mir das nicht reicht werde ich auch weiterhin alles für gut befinden und unterstützen, was dazu beitragen kann, dass das in sich erstarrte politische System Österreichs aufgemischt wird. Schafft die 4% Hürde ab, anstatt Euch vor der Zersplitterung der Parteienlandschaft zu fürchten: strebt sie aktiv an. Unterstützt Kleinparteien wie das Liberale Forum oder die Piraten, und kämpft für ein Vorzugsstimmenwahlrecht, das seinen Namen verdient. Zerrt die Grünen und auch alle anderen Parteien in Vorwahlen ins Rampenlicht, und fürchtet Euch auch nicht vor einer Volksabstimmungsfrequenz >= 50 Jahre. Demokratie “funktioniert” dann, wenn Mehrheiten sich am Ende des Tages duchsetzen. Mehrheiten setzen sich am Ende des Tages durch, wenn viele partizipieren, möglichst frei von jedem expliziten und vorauseilenden Gehorsam – und nach Diskussion dann auch verbindlich entschieden wird. Zwang und Demokratie sind grundsätzlich unvereinbar. Schwarmintelligenz ist kein per se auf Internetzexperimente beschränktes Phänomen. Menschen können nicht nur ein Lexikon gemeinsam erstellen. Sie sollten und werden im 21. Jahrhundert auch ihre eigene Zukunft in die Hand nehmen. Denn langsam, mühsam nährt es sich, das Meerschweinchen, das nicht nur den Mediamil-Komplex, nicht nur ein paar weitere Printdinosaurier zerschlagen wird, sondern ein paar überkommene, nicht mehr lernfähige Parteien auch noch mit dazu.

In der Untergrundbahn.

24. März 2009

Gestern wurde ich zum Ohrenzeugen folgendes kleinen Gesprächs in einer Wiener U-Bahn. Ein junges Paar küsst einander ausgiebig.

Sie: Du weisst ja gar nicht, wie mir das schon abgegangen ist…

Er: Echt?

Sie: Naja, was anderes ist mir noch mehr abgegangen…

Ich schaue schmunzelnd in die Runde aber die Wiener blicken – wie fast üblich in solchen Situationen – alle zu Boden und tun so als hätten sie nichts gehört. Dann weiter:

Sie: Shit Freitag haben wir Prüfung in Politischer Bildung… die FPÖ ist die Freiheitliche Partei Österreichs.

Er: Echt?

Sie: Ja. Solche Sachen müssen wir da lernen! Die ÖVP ist die Österreichische …, die Österreichische … mmh … shit – vergessen.

Er hat keinen Anlass zum Schmunzeln – Prüfungsstoff zu vergessen ist ja schliesslich auch ganz normal, oder etwa nicht?

Und ich? Will da raus. Friedensbrücke. Und denke mir am Nachhauseweg nur noch, dass so betrachtet “freiheitlich” richtig cool und einprägsam klingen muss. Kann man sich ja irgendwie was vorstellen drunter…

Anmeldung zum System.

1. Mai 2008

Meine 5jährige, meine Frau und ich selbst. Gestern waren wir also gemeinsam vorstellig an der – öffentlichen – Volksschule unserer Wahl. Sogar im Bezirk ist sie, “eigentlich” sollten sie uns so gesehen ja nehmen – “eigentlich” sollten wir so gesehen diesmal ja mehr Glück haben mit der Öffentlich-Rechtlichkeit als bei der Kindergartensuche vor drei Jahren. Damals hat sich nämlich rausgestellt, dass die in den Wiener Bezirken 1 und 19 angesiedelten öffentlichen Montessori Kindergärten gemäss roter Stadtpolitik den Bezirksbewohnern vorbehalten bleiben… das hätte halt auch was mit Angebot und Nachfrage zu tun, liess man uns damals wissen.

Aha, marktwirtschaftliche Prinzipien… aber das ist ja eine ganz andere Geschichte. Kindergarten. Heute bereits: Volksschule.

Und das bedeutet heute: vorzeitiges Aufnahmeverfahren, denn man will sich nun ja schulischerseits die vor allem sprachliche Eignung verfrüht ansehen, auch wenn man anscheinend noch nicht so recht weiss, was für Konsequenzen man an die verfrühte Feststellung der Nichteignung dann knüpfen könnte. Aber man kann ja mal anklopfen bei den Eltern usw.

Der Direktor und die Lehrerinnen und Lehrer mit denen wir in Kontakt kommen: ausgezeichnet freundlich. Aber insgesamt dann doch ein irgendwie seltsames Bild: wir müssen eine geschlagene Stunde Formulare ausfüllen – alle möglichen Dinge, die grossteils nicht relevant werden, wenn sie uns dann eh nicht nehmen sollten… aber bitte alles ausfüllen. Gut, selbstverständlich. Und dann letztendlich doch zum Gespräch mit dem Direktor – und ich erwarte irgendwie, dass wir nach Hintergründen, Beweggründen gefragt werden, mit der 5jährigen gesprochen wird oder irgendwas Persönliches passiert. Aber mitnichten… Die Formulare werden geringfügig ergänzt – der Computer wird bedient.

Und abschliessend: wir bekommen dann entweder ein Schreiben, aber das wäre schlecht, denn das würde ja bedeuten, dass sie uns nicht nehmen. Oder aber wir würden dann bereits zum ersten Elternabend im November eingeladen… Noch Fragen? Wenn ja, bitte 52525 – Stadtschulrat – wir wissen auch nichts.

Das verstehe ich natürlich: wer nichts weiss, kann auch nichts sagen. Und wer nichts wissen darf, der soll vermutlich auch nichts zu sagen haben. Beim Hinausgehen kratze ich mich am Kopf: wäre da nicht irgendeine Schulreifefeststellung oder so was in der Art vorgesehen gewesen? Egal, ich weiss eh, dass sie überreif ist, meine 5-Jährige.

Und hoffentlich, hoffentlich nehmen sie uns. Denn wir wollen bitte, bitte auf jeden Fall zu jenen, die zwar nichts wissen, aber zumindest wissen wollen würden – und auf keinen Fall zu denen, die noch weniger wissen, und vor allem auch bitteschön gar nichts mehr wissen wollen…

Vielleicht gibt ja das Foto, das sie von uns dreien gemacht haben, am Ende den Ausschlag? Wir haben alle nett gelächelt… echt nett!

Fick doch die Politik.

9. April 2008

Frau Knecht berichtet unter dem knalligen Titel “Fick Deine Mutter” in ihrer wöchentlichen Falter Kolumne erleichtert, dass sie ihre Kinder in einer “kuscheligen, kleinen Schule” untergebracht hat – und Freund Bruckner empört sich über die Masche, mit der sie sich zu rechtfertigen versucht. Er hat ja nicht ganz unrecht, wenn er hier eine Fortsetzung alter, vorwiegend katholisch geprägter Tradition ortet, die Tradition des Sündigens und nachfolgenden Beichtens nämlich, eine Tradition auch, die diese Abfolge zum immerwährenden Zyklus und zu einer Art “sündigem” Normalfall erhebt – schlussendlich profitiert ja auch die die Sünden erlassende Institution von den sündigen Beichtern…

Alles in allem trifft diese Kritik an Doris Knecht aber für mich nicht den wichtigsten Punkt. Der wichtigste inhaltliche Punkt ist, dass Frau Knecht ihre Kinder trotz eines aufgrund anders gearteter politischer Überzeugung schlechten Bauchgefühls in eine Schule schickt, in der sie es ihrer Ansicht nach gut haben werden.

Ich meine: gut so. Und frage: was ist das für eine schlechte Gesellschaft, in der Frau Knecht sich befinden muss, die sie dazu animiert, eine derartig merkwürdige Rechtfertigung in alle Öffentlichkeit hinauszuschrei(b)en?

Es ist wert, sich ein wenig damit auseinanderzusetzen, denn Frau Knecht macht sich hier ja nicht ganz untypische Probleme. Diese sind mir selbst, der als politisch denkender Mensch und Vater zweier kleiner Mädchen nun auch bald vor solchen Entscheidungen steht natürlich auch schon mal durch den Kopf gegangen. Nun, ich kenne solche Gedanken zwar, aber ich muss gleich wieder einschränken: ich mache mir die Probleme nicht wirklich. Denn ich finde schon lange – und wahrlich nicht nur in diesem Bereich – dass man als Einzelperson einfach nicht alle Dinge wiedergutmachen oder “büssen” kann, die die Politik zuvor geradezu gnadenlos verbockt hat.

Ich muss nämlich mein eigenes Leben leben. Heute – hier – jetzt. Ich habe mit meinem Leben heute – hier – jetzt keinerlei Zeit darauf zu warten, bis die Politik irgendwann kapiert, wie manches vielleicht besser gehen könnte. Ich muss heute – hier – jetzt versuchen, das beste aus all dem Mist um mich herum zu machen, gemäss meinen eigenen Überzeugungen. Das bin ich, um beim Thema zu bleiben, im übrigen auch meinen Kindern schuldig: zu versuchen, die beste Wahl für sie zu treffen, wo immer sie sie selbst noch nicht treffen können. Und dazu gehört für mich im konkreten Fall sowohl, dass ich sie weder in einer rundum-heilen (und vor Geld stinkenden) Welt abriegele, noch, dass ich sie – um nur ein mich konkret betreffendes Beispiel herauszugreifen – in eine Schule schicke, in der zu 80% türkisch gesprochen wird.

Es gibt solche Schulen in unserer Umgebung und ich füge hinzu: wir wohnen gerne hier und zumindest die in unserem Haus lebenden türkischstämmigen Nachbarn kriegen schön langsam mit, dass wir zwar “Uralt-Österreicher” und “Ungläubige” sind, aber dennoch keine Unmenschen. Es dauerte aber leider wirklich Jahre (nach Jahren, in denen wir trotz intensiver Bemühungen unsererseits freundlich zu sein meist nichtmal gegrüsst oder wahrgenommen wurden). Ja, ja, ich weiss, die unterschiedlichen sozialen Voraussetzungen … usw., ich weiss, aber ich bin hier mal sehr hart und verweise schlicht auf mein persönliches Erleben und die Religion als solche (nicht eine bestimmte), die ich hauptverantwortlich dafür mache, dass Menschen ihre Mitmenschen nicht einfach so als Menschen wahrnehmen können… es ist leider tatsächlich so. Und genau so einer Umgebung werde ich aber meine Kinder sicher nicht aussetzen. Ja bin ich denn wahnsinnig? Nein, bin ich eben nicht.

Meine Frau und ich haben überhaupt keine Probleme mit “Ausländern”, aber schon gar keine. Die real existierenden Ghettos sind weder meine Schuld, noch war ich je oder bin ich aktuell für sie, ja ganz im Gegenteil. Die Folgen falscher, über Jahrzehnte verfehlter (”linker”) Stadtpolitik (zu späte Öffnung der Gemeindebauten, zu späte und zu wenige Integrationsbemühungen hinsichtlich insb. türkischstämmiger Frauen, eine gesellschaftlich weitestgehend unkritische Hinnahme menschenunwürdiger Praktiken unter dem Mäntelchen der Religionsfreiheit etc etc), ich soll sie am Ende tragen? Keine Lust, dankeschön. Und von der jahrzehntelangen Verschleppung der Einführung der Gesamtschule durch die Bundespolitik mal ganz abgesehen, ja macht sie doch endlich, dann schicke ich meine Kinder hin.

Und und und… ich scheiss auf diese Politik, mit Verlaub. Und ich kann als Einzelner sie weder ausgleichen, noch fühle ich mich verpflichtet “korrekt” zu handeln, noch werde ich meine Kinder für sie büssen lassen. Ich tue als Einzelmensch dort wo es geht – ja, aber es gibt definitiv Grenzen.

Ich habe politisch klare Positionen in all diesen Fragen. Aber ich muss und werde meine Kinder schützen. Ich schütze sie damit nämlich gerade auch vor realer Politik und ihren negativen Folgen. Und ich trage meiner Ansicht gerade damit am besten dazu bei, dass vorgezeigt wird, wie es anders geht, dass Leute mit Initiative (sei diese nun öffentlich oder privat finanziert, ganz egal), die es meiner bescheidenen Ansicht nach besser können, auch unterstützt werden, indem ich sie unterstütze und damit “wichtiger” mache, und indem last not least Kinder heranwachsen (meine Kinder), die einen realistischen Blick auf die Welt bekommen – und mal in der Lage sind, was Positives beizutragen.

Auch deshalb, weil ihnen selbst Positives widerfahren ist.

Ich verstehe Frau Knecht daher in ihrem Verhalten – ohne die Schule zu kennen, um die es sich hier dreht. Ihre Rechtfertigung halte ich aber für merkwürdig – sie zeugt für mich von mangelndem Nachdenken und im Grunde auch von mangelndem Selbstbewusstsein. Sehr bedenklich für mich, dass man sich letztlich dafür glaubt rechtfertigen zu müssen, dass man schlicht und ergreifend versucht, das unter gegebenen Umständen Beste zu tun.

Meine Kinder werden übrigens, so sie “uns” nehmen, in eine öffentliche Volkschule gehen – allerdings nicht in irgendeine, sondern eine von uns bewusst ausgesuchte. Liesse man mir am Ende allerdings tatsächlich nur die Wahl zwischen einer für mich aus welchen Gründen auch immer untragbaren Schule und einer vor Geld stinkenden Privatschule – ich würde mein letztes Hemd ausziehen und nur noch Kartoffeln essen, nur um meine Kinder dorthinzuschicken.

Und nocheinmal: das ist auch gut so.

Ein Update – irgendwie off topic – und dann doch wieder nicht: ein vielversprechender junger Grünbundesrat mit türkischem “Migrationshintergrund” und der unmittelbar folgende Broderismus-Reflex von Tom Schaffer, der für mein Empfinden nun schon so leicht auszulösen ist, dass auch absolut konstruktive Debattenbeiträge auf dieser Basis nicht mehr wahrgenommen werden können…

Risiko Lehrer

9. Januar 2008

Laut einer im Spiegel besprochenen, über zwölf Jahre hinweg durchgeführten Langzeitstudie sind es die schwächeren, tendentiell überforderten Verlegenheits-Lehramtsstudenten, die von Anfang an nicht Feuer und Flamme für den Lehrberuf sind, die später über Überforderung klagen und den Schulbetrieb belasten.

Jeder vierte Studienanfänger wähle das Lehramtsstudium nur als “Notlösung” und über die Hälfte nannte primär die Hoffnung auf ein überschaubares oder einfaches Studium in Heimatnähe, sowie den Wunsch nach einem sicheren und familienfreundlichen Arbeitsplatz als Studienmotivation.

Nicht wenige junge Lehrer entscheiden sich für den falschen Beruf – und aus den falschen Gründen: eine weitere Studie, über die der Spiegel im Oktober 2007 berichtete, stufte jeden vierten Lehramtstudenten gar als “resignativen Typ” ein.

Ist es in Österreich ganz anders? Meine höchstpersönliche Langzeitstudie lieferte mir keinerlei Indizien dafür.