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Gegen den Zynismus.

22. Februar 2011 4 Kommentare

Weil ich eine recht schweigsame Zeit habe möcht ich jemand anders sprechen lassen. Einige der größten Wissenschaftler und Philosophen, die die Menschheit hervorgebracht hat wurden auf österreichischem Boden geboren – wenngleich sie im späteren Leben des öfteren mal das Weite gesucht haben – oder suchen mussten. So auch Karl Popper, der das Land 1937 Richtung Neuseeland verließ: “Popper musste seine Familie, die damals kranke Mutter, seine Schwester, Onkel, Tanten und Nichten zurücklassen. Sechzehn Familienangehörige wurden bis 1945 von den Nationalsozialisten ermordet.” (Wikipedia)


Karl Popper im Jahr 1990 (Public Domain Picture der Wikimedia Commons)

Hier ein paar – für mich höchst aktuell und provokant gebliebene – Passagen aus einer 25 Jahre alten Rede, mit der er sich “Gegen den Zynismus in der Interpretation der Geschichte” wandte (Textauszüge übernommen von Helmut Zenz):

Die zynische Geschichtsauffassung sagt, daß es – in der Geschichte, wie auch überhaupt – immer nur die Gier ist, die regiert: die Habsucht, die Geldgier, das Gold, das Öl, die Macht. So war es, sagt der Zyniker, und so wird es wohl immer sein; es ist so in der Despotie, und in der Demokratie ist es nicht viel anders – nur daß in der Demokratie die Heuchelei womöglich noch ärger ist. Ich halte diese Lehre nicht nur für falsch, sondern auch für unverantwortlich, gerade weil ein gewisse Plausibilität für sie zu sprechen scheint. Und ich halte es für eine dringende Aufgabe, sie zu bekämpfen.

Ich bin Optimist, der nichts über die Zukunft weiß, und der daher keine Voraussagen macht. Ich behaupte, daß wir einen ganz scharfen Schnitt machen müssen zwischen der Gegenwart, die wir beurteilen können und sollen, und der Zukunft, die weit offen ist und von uns beeinflußt werden kann. Wir haben deshalb die moralische Pflicht, der Zukunft ganz anders gegenüber zu stehen, als wenn sie etwa eine Verlängerung der Vergangenheit und Gegenwart wäre. Die offene Zukunft enthält unabsehbare und moralisch gänzlich verschiedene Möglichkeiten.

Ich muß die Hauptpunkte meines Optimismus sofort näher erklären:

1. Ich wiederhole noch einmal: Mein Optimismus bezieht sich ausschließlich auf die Gegenwart und nicht auf die Zukunft. Ich glaube nicht, daß es so etwas gibt wie ein Gesetz des Fortschritts. Es gibt das nicht einmal in der Wissenschaft; auch nicht in der Technik. Der Fortschritt kann nicht einmal als wahrscheinlich bezeichnet werden.

2. Ich behaupte, daß wir im Westen gegenwärtig in der besten sozialen Welt leben, die es je gegeben hat – und zwar trotz des Hochverrates der meisten Intellektuellen, die eine neue Religion verkünden, eine pessimistische Religion, dergemäß wir in einer moralischen Hölle leben und an physischer und moralischer Verschmutzung zugrundegehen.

3. Ich behaupte, daß diese pessimistische Religion nicht nur eine krasse Lüge ist, sondern daß es nie vorher eine Gesellschaft gegeben hat, die so reformfreudig war wie unsere …

4. Diese Reformfreudigkeit ist das Resultat einer neuen ethischen Opferbereitschaft, …

Was die Zukunft betrifft, so sollen wir also nicht versuchen zu prophezeihen, sondern nur versuchen, moralisch und verantwortlich zu handeln. Das macht es aber zur Pflicht, daß wir lernen, die Gegenwart richtig zu sehen und nicht durch die farbige Brille einer Ideologie. …

Die politische Freiheit – Freiheit von Despotie – ist der wichtigste aller politischen Werte. Und wir müssen immer bereit sein, für die politische Freiheit zu kämpfen. Die Freiheit kann immer verloren werden. Wir dürfen nie die Hände in den Schoß legen im Bewußtsein, daß sie gesichert ist. Die politische Freiheit ist eine Voraussetzung unserer persönlichen Verantwortlichkeit, unserer Menschlichkeit: Jeder Versuch, einen Schritt zu einer besseren Welt zu machen, zu einer besseren Zukunft, muß von dem Grundwert der Freiheit geleitet sein.

Keine Zeit. Querlesen. Die Sache kippt.

23. November 2010 42 Kommentare

So, jetzt schreib ich mir mal wieder was von der Seele. Dafür liebe ich meinen Blog besonders. Allerdings: ich muss mich kurz fassen. Superkurz. Andernfalls wird der Text nicht nur nicht gelesen werden. Sondern er wird selbst von den intelligentesten, sympathischsten, einfühlsamsten und überhaupt rundum besten Menschen die mich umgeben und meinen kleinen Blog hier (vorgeben zu) lesen völlig falsch interpretiert werden. Denn sie lesen keine ganzen Sätze mehr. Dort wo der Punkt eines Satzes ist reflektieren sie nicht mehr. Und wo ein Fragezeichen steht, stellen sie keine Fragen mehr. Finsternis macht sich breit. Da. Jemand schreit? Nein, es war nur meine innere Stimme.


(Art Credits to brenda-starr according Creative Commons BY-NC-ND 2.0)

Wenn ich ein eMail an mehrere Leute schreibe (und mich kurz dabei fasse) kann ich sicher sein, dass von der Hälfte keine Reaktion kommt. Wenn ich in einem Projekt zum Interessensabgleich eine Doodle Umfrage starte, für die man den fünfzeiligen Einleitungstext lesen muss, um sie zu verstehen, kann ich sicher sein, dass sie nicht verstanden werden wird. Wenn ich einen Blogbeitrag mache, in dem ich einen etwas anspruchsvolleren Gedanken ausführlich beschreibe, kann ich sicher sein, dass ich ihn in den Comments wiederholen muss (was ich gerne tue). Wenn ich einen Online Artikel lese kann ich sicher sein, dass ihn 80% der direkt darunter Kommentierenden nicht gelesen haben. Wenn ich einem vielbeschäftigten Menschen, der via Skype online ist eine kurze Frage stelle, ist die Chance mehr als intakt, dass die Reaktion solange dauert, dass ich mit meiner Arbeit und meinen Gedanken längst ganz woanders bin. Wenn ich anrufe, kann ich sicher sein, dass mit recht hoher Wahrscheinlichkeit nicht abgehoben wird oder spätestens nach dem zweiten Halbsatz gesagt wird: “Du, das müssen wir später in Ruhe besprechen”. Gut, gerne, denn ich bin ja ein freundlicher Zeitgenosse. Oder versuche einer zu sein.

Allein: das “später” findet in wiederum mindestens 50% aller Fälle nie statt. Es sei denn ich versuchs halt wieder. Und dann nochmal. Und das geht nicht nur auf meine Zeit, sondern fällt natürlich tendentiell auch zwischenmenschlich auf mich zurück. Man ist schliesslich schon lästig, nicht wahr? Das ist der Teufelskreis, in dem wir mittlerweile fast alle stecken (und ich nehm mich da gar nicht aus, bin selbst um keinen Deut “besser”!): wir verlieren Unmengen an Zeit, weil wir uns die benötigte Zeit nicht mehr nehmen (können?). Absurd. Und dennoch Fakt. Glaub ich. Wir verlieren weiters Unmengen an Zeit, weil wir nur noch die Dinge gleich tun, die sich in 30 Sekunden erledigen lassen. Alles andere kommt nicht etwa in eine Warteschlange. Nein, es bleibt tendentiell liegen, weil sich alle 30 Sekunden neue 30-Sekunden-Dinge vordrängen.

Wenn ich was kurzes brauch und jemand ist über Twitter DM erreichbar, dann ist die Chance noch halbwegs intakt. Der Bonus der kleinen Community. Und daher für mich wiederum Ausdruck desselben Problems. Man weicht in Kanäle aus, die noch halbwegs funktionieren. Es ist aber nur eine Frage der Zeit (sic!), bis die auch verstopft sein werden.

Hätte ich starke Selbstzweifel könnt ich natürlich auch in mich gehen und sagen: das alles könnte ja auch einfach an DIR liegen. Die mögen Dich vielleicht nicht? Nö. Daran liegts nun wirklich nicht. Das was da passiert ist grösser. Umfassender. Und es wird nicht mehr allzulange dauern können, bis das grosse Pendel in irgendeiner Form zurückschwingt. Zumindest teilweise. In gewisser Hinsicht. Für manche. Bis dahin muss ich wohl noch durchhalten, sofern ich nicht vorher ohnehin wegen illegaler Schirrmacherei geklagt werde oder für den Wolo oder sowas nachnominiert werde und dann nichtmal mehr von meinen unerreichbaren Freunden gemocht werde.

Meine Güte, was bin ich arm.

Fremdbestimmtheit…

19. Oktober 2009 10 Kommentare

…ist das für mich alles entscheidende Wort im heutigen Blogbeitrag von Christoph Chorherr. Arbeiten Sie noch? fragt er und hängt die unausgesprochene Zusatzfrage dran “Oder sind sie schon tätig?”.

Wir müssen uns nicht ganz mit dem achselzuckenden Statement begnügen “Manche mögen ihre Arbeit eben und andere eben nicht.” Wer es schafft, in ein im wesentlichen selbstbestimmtes Leben zu finden, in dem die eigene (erwerbsmäßige und nichterwerbsmäßige) Tätigkeit ein im wesentlichen ebenso selbstbestimmter Bestandteil geworden ist, der hat auch Freude daran. Freude an seiner Arbeit und Lebensfreude als solche.

Foto credits according Creative Commons BY-NC-SA 2.0

Ich habe jetzt in diesem Augenblick zwei Bauarbeiter in meiner Wohnung. Der eine ist wohl der Chef der Partie und macht alles mit mir aus, der andere ist der “Hilfshackler”. Beide arbeiten und kommunizieren sie mit einer Hingabe, Professionalität und Freude, dass es Spass macht zuzusehen. Die Freude auch an schwerer Arbeit entsteht nicht ganz zufällig. Gute Firmen finden gute Leute. Und gute Leute finden gute Firmen… ich überhäufe die beiden für die ersten getanen Arbeitsschritte mit wohlverdientem Lob. Und sie freuen sich wie zwei frischlackierte Hutschpferde.

Irgendwann gegen Ende seines Lebens wird auch der freudigste (Hand- oder Kopf-) Arbeiter etwas mehr zur Ruhe kommen wollen. Aber auch hier wieder. Gelingt es, diesen Prozess – der vielleicht für die meisten gar nicht in einem einzelnen Schritt zum “Ruhestand” bestehen sollte – im wesentlichen selbstbestimmt zu gestalten?

Selbstbestimmtheit wächst auf der Basis von Voraussetzungen. Ökonomische Voraussetzungen? Ja, sicher. Politische Voraussetzungen? Natürlich. Allerdings, selbst wenn all die benötigten Bedingungen politischer und ökonomischer Freiheit im wesentlichen gegeben sind, braucht es dann immer noch etwas. Man muss selber wollen. Das eine oder andere Risiko dafür auf sich nehmen. Und fast am allerwichtigsten: Man muss ca wissen wohin man will. Und damit meine ich nicht, was man “werden will” oder tun will. Das wird sich beim einen nie beim anderen viele Male im Leben ändern. Ich meine vielmehr Dinge wie: weiss ich zb, was ich mir für Arbeitsbedingungen erwarte? Weiss ich zumindest für mich selbst, welches Betriebsklima ich mir selbst zumuten möchte? Bin ich bereit zu gehen und was anderes zu probieren, wenn ich leide?

Schlecht geführte Betriebe leben von fremdbestimmten, leidenden Menschen die trotzdem nie und nimmer gehen würden. Sterbehilfe für schlecht geführte Betriebe ist schon heute legal: Leute, bitte geht.

Aber warum gehen sie in aller Regel nicht? Wiederum: wenn wir dem Reflex erliegen, allein die äusseren zB ökonomischen Bedingungen dafür verantwortlich zu machen, dann haben wir zwar immer ein stückweit recht. Aber der Reflex stammt aus einer Vergangenheit, in der “die Bedingungen” wirklich fast alles erklären konnten. Heute und hier in Mitteleuropa können sie zwar immer noch mehr als “fast nichts” erklären – aber doch auch viel zu wenig. Was der Heerschar an Menschen, die hier, heute, jetzt durchaus schon ausreichende Bedingungen für ein mutiges, selbstbestimmtes Leben vorfinden würden noch fehlt ist vor allem anderen die Überwindung der Barrieren im eigenen Kopf.

Wir glauben nicht an uns. Wir wissen es einfach nicht, dass wir selbst wichtig sind. Es hat uns nie jemand gesagt, oder? Wir haben keine Ahnung, wohin es uns bringen kann, wenn wir selbst für uns zu denken und entscheiden beginnen. Wir wissen auch nicht, dass unsere ganz eigene Art zu denken, hätten wir nur mal zu ihr gefunden, auch “wirtschaftlich” hochgefragt wäre. Das allerschwierigste für arbeitnehmersuchende Unternehmer ist es unternehmerisch denkende Arbeitnehmer zu finden. Selbst offensichtlich hochintelligente Menschen finden nur allzuoft nicht den Schlüssel zu sich selbst, der sie selbst vom Ausführenden zum Handelnden macht.

Der Homo politicus denkt an dieser Stelle an unser Bildungssystem. Auch dieses krankt vornehmlich an genau dieser Stelle. Wir lernen von klein auf das Ausführen statt selbst zu handeln, wir lernen zu wiederholen statt zu erfinden, zu gehorchen statt den richtigen Weg zu suchen. Zufall? Wohl kaum.

Wir müssen als ganze Gesellschaft erst den Schritt raus aus dem Industriezeitalter machen. Das Fliessband hat ausgedient. In den Fabriken stehen längst mehr Roboter als Menschen. Wir müssen keine Rädchen mehr sein. Was die Menschen emotional verkrüppelt hat, war nie der “Kapitalismus”. Es war die (historisch wohl notwendige, unvermeidliche) Phase des “Industrialismus”. Die Sozialdemokratie kämpft immer noch – halbherzig, ok – gegen ersteren und klammert sich mit verbissenem Stolz an zweiterem fest.

Die Nachricht ist auch zu gut um wahr zu sein. Wir könnten im entwickeltsten Teil des Globus nun vorangehen und den Industrialismus für immer hinter uns lassen. Erster Schritt: alle industriell geprägten Strukturen raus aus den Schulen.

Sehr angstmachend, solang der Roboter im Kopf immer weiterrobotet. Es wird daher wohl doch noch ein, zwei Generationen lang sickern müssen.

Hochmoralisch.

20. Mai 2008 Keine Kommentare

Vor ein paar Wochen war ich im Rahmen einer Gesprächsrunde mit Tiefgang mit der Aussage konfrontiert, ich würde “hochmoralisch” argumentieren.

Ohne jetzt auf den konkreten Anlassfall eingehen zu wollen, hat mich die Aussage an sich beschäftigt. Mir ist die Linie ja nicht unbekannt: Die hehre Moral auf der einen Seite, der schwache Mensch auf der anderen. Wenn man “moralisch” argumentiert, wird man schnell auch zum (Moral-)Apostel – denn da kann der normale Mensch ja einfach – und sozusagen klarerweise – nicht mit, da sei er einfach überfordert, und man müsse eben die menschlichen Realitäten sehen.

Um Missverständnissen vorzubeugen, sei an dieser Stelle eingeflochten: von der falsch verstandenen, überkommenen Moral ist hier nicht die Rede, sondern von dem, was wir “eigentlich”, wenn wir entweder ein bisschen nachdenken oder eben auf unser “Gewissen” hören fast alle für “gut” und “richtig” halten.

Und also zurück zu den Realitäten, die bei der Kritik an der “hochmoralischen” Haltung dann meist mitschwingen: moralisch zu handeln sei potentiell auch selbstschädigend, zumindest, wenn es ein gewisses Mass überschreite – da müsse man sozusagen die Balance im Auge behalten, das richtige Mass an Moral finden, damit man nicht nur der “Dumme” sei – und dann “übrig” bleibe.

Aber, was genau ist eigentlich “Moral” in dem hier gemeinten Sinn?

Moral ist nichts anderes als eine nicht jeden Tag neu zu erfindende Verhaltensrichtschnur – sie ist wenn man so will die materialisierte Lebenserfahrung der Vergangenheit. Was für uns selbst – über den einzelnen Tag hinausgedacht – das Beste und daher im doppelten Sinn des Wortes “gut” ist, ist nicht immer so einfach und mit vollem Bewusstsein zu erkennen. In diesem Sinn hat “Moral” daher auch eine genetische/biologische Bedeutung. Unser von der Evolution herausgebildetes “Gewissen” gibt uns in Form von Unbehagen bereitenden Botenstoff-Ausschüttungen Signale dafür, was wir im konkreten Fall tun sollten. Das ist natürlich kein Zufall, sondern die Natur hat sich im übertragenen Sinn des Wortes “natürlich etwas gedacht dabei”: um mittel- und langfristig das für sich selbst Beste und Vorteilhafteste und damit auch aus Sicht der nach Selbsterhaltung strebenden Gene “Vernünftigste” zu tun benötigt das sich selbst für ach so klug haltende menschliche Individuum eben ein wenig Hilfestellung…

Und das ist der Blick auf “Moral” und “Gewissen”, den ich daher anbieten möchte: des Menschen vielleicht rudimentäres, aber doch gegenüber vielen anderen Spezies verbessertes Vermögen, mittel- und langfristige Überlebensvorteile zu erzielen, fusst auf Gewissen und Moral, sie ist eine im wahrsten Sinn des Wortes überlebensnotwendige Ergänzung der reinen Vernunft, die auf dem gegenwärtigen Stand biologischer Entwicklung nur sehr wenige Schritte im Voraus zu kalkulieren imstande ist. “Moral” und “Gewissen” von unserer Gesamtpersönlichkeit abzuspalten und als etwas zu sehen, das irgendwelche Autoritäten von uns haben wollen, ansonsten unserem Fortkommen aber eher abträglich sei, ist eine letztlich unvernünftige und potentiell gefährliche Sache: mit allzu hoher Wahrscheinlichkeit werden wir selbst es sein, die den Schaden solch dummen Handelns davontragen werden.

Ja: wir dürfen und sollten auf unser Gewissen hören. Kein falscher Glaube daran, dass uns das doch “schaden” könnte, sollte uns dabei bremsen. “Hochmoralisch” zu sein lässt sich mit höchst individuellem Nutzen argumentieren. Und: wir wollen doch alle nur das Beste für uns, oder?

Right or Wrong?

16. Dezember 2007 Keine Kommentare

Es gibt ein recht bekanntes juristisches Schulbeispiel zum sogenannten “entschuldigenden Notstand”: den Weichenstellerfall. Und das geht in etwa so:

Ein herrenloser Waggon ist auf einer Eisenbahnstrecke unterwegs und bringt mehrere Menschen in Lebensgefahr. Eine Person namens Denise steht im Stellwerk und kann den Waggon auf ein Nebengleis umleiten, um so die fünf Menschen auf dem Hauptgleis zu retten. Leider steht auch auf dem Nebengleis ein Mensch. Darf Denise die Weiche umlegen und die fünf Menschen retten?

Die gängige Jurisprudenz sagt, niemand muss hier handeln, aber wir bestrafen Denise für ihre verständliche, nachvollziehbare Reaktion auch nicht, wenn sie die Weiche umlegt.

Marc Hauser beschäftigt sich in seinem Buch Moral Minds: How Nature Designed our Universal Sense of Right and Wrong nun aber mit einer Reihe von Gedankenexperimenten, die diesen Fall weiterentwickeln.

Also: Der Waggon bringt immer noch mehrere Menschen in Lebensgefahr. Er kann nun aber nicht durch eine Weiche gestoppt werden, sondern Denise steht auf einer Brücke und kann ihn nur aufhalten, indem sie ein schweres Hindernis hinunterwirft, welches ihn dann zum Stillstand bringt. Der einzig verfügbare “schwere Gegenstand” ist jedoch ein sehr dicker Mann, der auf der Brücke sitzt und den Sonnenuntergang geniesst… Darf Denise den Mann hinunterwerfen und die fünf Menschen retten? (Es sei hypothetisch vorausgesetzt, dass Denise als sicher annehmen darf, dass ihr Vorgehen die “gewünschte” Wirkung haben wird.)

Und nun wirds leider noch krasser, mit folgender (gaaanz anderen?) Situation: Denise ist nun Chirurgin und in ihrem Krankenhaus liegen fünf Patienten im Sterben; bei jedem versagt ein anderes Organ. Alle könnte man retten, wenn ein Spender für die kranken Organe zur Verfügung stünde, aber das ist nicht der Fall. Da fällt ihr auf, dass im Wartezimmer ein gesunder Mann sitzt, bei dem alle fünf Organe gut funktionieren und sich für die Transplantation eignen würden…

Right or Wrong? Wrong, well, but why? Worin liegt der genaue Unterschied zwischen den drei beschriebenen Fällen?