Fremdbestimmtheit…
…ist das für mich alles entscheidende Wort im heutigen Blogbeitrag von Christoph Chorherr. Arbeiten Sie noch? fragt er und hängt die unausgesprochene Zusatzfrage dran “Oder sind sie schon tätig?”.
Wir müssen uns nicht ganz mit dem achselzuckenden Statement begnügen “Manche mögen ihre Arbeit eben und andere eben nicht.” Wer es schafft, in ein im wesentlichen selbstbestimmtes Leben zu finden, in dem die eigene (erwerbsmäßige und nichterwerbsmäßige) Tätigkeit ein im wesentlichen ebenso selbstbestimmter Bestandteil geworden ist, der hat auch Freude daran. Freude an seiner Arbeit und Lebensfreude als solche.

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Ich habe jetzt in diesem Augenblick zwei Bauarbeiter in meiner Wohnung. Der eine ist wohl der Chef der Partie und macht alles mit mir aus, der andere ist der “Hilfshackler”. Beide arbeiten und kommunizieren sie mit einer Hingabe, Professionalität und Freude, dass es Spass macht zuzusehen. Die Freude auch an schwerer Arbeit entsteht nicht ganz zufällig. Gute Firmen finden gute Leute. Und gute Leute finden gute Firmen… ich überhäufe die beiden für die ersten getanen Arbeitsschritte mit wohlverdientem Lob. Und sie freuen sich wie zwei frischlackierte Hutschpferde.
Irgendwann gegen Ende seines Lebens wird auch der freudigste (Hand- oder Kopf-) Arbeiter etwas mehr zur Ruhe kommen wollen. Aber auch hier wieder. Gelingt es, diesen Prozess – der vielleicht für die meisten gar nicht in einem einzelnen Schritt zum “Ruhestand” bestehen sollte – im wesentlichen selbstbestimmt zu gestalten?
Selbstbestimmtheit wächst auf der Basis von Voraussetzungen. Ökonomische Voraussetzungen? Ja, sicher. Politische Voraussetzungen? Natürlich. Allerdings, selbst wenn all die benötigten Bedingungen politischer und ökonomischer Freiheit im wesentlichen gegeben sind, braucht es dann immer noch etwas. Man muss selber wollen. Das eine oder andere Risiko dafür auf sich nehmen. Und fast am allerwichtigsten: Man muss ca wissen wohin man will. Und damit meine ich nicht, was man “werden will” oder tun will. Das wird sich beim einen nie beim anderen viele Male im Leben ändern. Ich meine vielmehr Dinge wie: weiss ich zb, was ich mir für Arbeitsbedingungen erwarte? Weiss ich zumindest für mich selbst, welches Betriebsklima ich mir selbst zumuten möchte? Bin ich bereit zu gehen und was anderes zu probieren, wenn ich leide?
Schlecht geführte Betriebe leben von fremdbestimmten, leidenden Menschen die trotzdem nie und nimmer gehen würden. Sterbehilfe für schlecht geführte Betriebe ist schon heute legal: Leute, bitte geht.
Aber warum gehen sie in aller Regel nicht? Wiederum: wenn wir dem Reflex erliegen, allein die äusseren zB ökonomischen Bedingungen dafür verantwortlich zu machen, dann haben wir zwar immer ein stückweit recht. Aber der Reflex stammt aus einer Vergangenheit, in der “die Bedingungen” wirklich fast alles erklären konnten. Heute und hier in Mitteleuropa können sie zwar immer noch mehr als “fast nichts” erklären – aber doch auch viel zu wenig. Was der Heerschar an Menschen, die hier, heute, jetzt durchaus schon ausreichende Bedingungen für ein mutiges, selbstbestimmtes Leben vorfinden würden noch fehlt ist vor allem anderen die Überwindung der Barrieren im eigenen Kopf.
Wir glauben nicht an uns. Wir wissen es einfach nicht, dass wir selbst wichtig sind. Es hat uns nie jemand gesagt, oder? Wir haben keine Ahnung, wohin es uns bringen kann, wenn wir selbst für uns zu denken und entscheiden beginnen. Wir wissen auch nicht, dass unsere ganz eigene Art zu denken, hätten wir nur mal zu ihr gefunden, auch “wirtschaftlich” hochgefragt wäre. Das allerschwierigste für arbeitnehmersuchende Unternehmer ist es unternehmerisch denkende Arbeitnehmer zu finden. Selbst offensichtlich hochintelligente Menschen finden nur allzuoft nicht den Schlüssel zu sich selbst, der sie selbst vom Ausführenden zum Handelnden macht.
Der Homo politicus denkt an dieser Stelle an unser Bildungssystem. Auch dieses krankt vornehmlich an genau dieser Stelle. Wir lernen von klein auf das Ausführen statt selbst zu handeln, wir lernen zu wiederholen statt zu erfinden, zu gehorchen statt den richtigen Weg zu suchen. Zufall? Wohl kaum.
Wir müssen als ganze Gesellschaft erst den Schritt raus aus dem Industriezeitalter machen. Das Fliessband hat ausgedient. In den Fabriken stehen längst mehr Roboter als Menschen. Wir müssen keine Rädchen mehr sein. Was die Menschen emotional verkrüppelt hat, war nie der “Kapitalismus”. Es war die (historisch wohl notwendige, unvermeidliche) Phase des “Industrialismus”. Die Sozialdemokratie kämpft immer noch – halbherzig, ok – gegen ersteren und klammert sich mit verbissenem Stolz an zweiterem fest.
Die Nachricht ist auch zu gut um wahr zu sein. Wir könnten im entwickeltsten Teil des Globus nun vorangehen und den Industrialismus für immer hinter uns lassen. Erster Schritt: alle industriell geprägten Strukturen raus aus den Schulen.
Sehr angstmachend, solang der Roboter im Kopf immer weiterrobotet. Es wird daher wohl doch noch ein, zwei Generationen lang sickern müssen.
