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	<title>Brainstorming the Bastille &#187; Liberalismus</title>
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	<description>Brainstorming the Bastille</description>
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		<title>Politik ist brandgefährlich.</title>
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		<pubDate>Sun, 21 Sep 2008 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martin Schimak</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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		<description><![CDATA[Wir stehen eine Woche vor der österreichischen Nationalratswahl. Aller Voraussicht nach wird diesmal &#8211; um mit den legendär gewordenen Worten des Ex-ORF-Wahlabend-Moderators Josef Broukal zu sprechen &#8211; tatsächlich &#8220;kein Stein auf dem anderen bleiben&#8221;.
Noch beschäftigen sich viele von uns netten Citizens mit Fragen wie jenen, ob sie diesmal vielleicht (nochmal) grün oder vielleicht doch (wieder) [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wir stehen eine Woche vor der österreichischen Nationalratswahl. Aller Voraussicht nach wird diesmal &#8211; um mit den legendär gewordenen Worten des Ex-ORF-Wahlabend-Moderators Josef Broukal zu sprechen &#8211; tatsächlich <em>&#8220;kein Stein auf dem anderen bleiben&#8221;</em>.</p>
<p>Noch beschäftigen sich viele von uns netten Citizens mit Fragen wie jenen, ob sie diesmal vielleicht (nochmal) grün oder vielleicht doch (wieder) liberal wählen sollten, ob Alex Zach also vielleicht ein Lump ist oder doch nur ein bissl ein Tolpatsch, ob Hans-Peter Haselsteiner der superreiche Teufel persönlich ist oder vielleicht doch ein zu verehrender Retter von allem noch irgendwie Anständigen in Österreich (<a href="http://derstandard.at/?url=/?id=1220458644749">inklusive Ute Bock</a>), ob Peter Pilz ein über Leichen gehender Vernaderer und grüner Westentaschen-Haider ist oder doch der unverzichtbare Aufdecker der Nation, und ob die Grünen nun &#8220;nachhaltig&#8221; aufwachen oder doch nach dem Wahltag wieder wie vielfach erprobt für sichere vier, nein diesmal sogar fünf Jahre entschlummern werden, drohender Klimakollaps quasi hin oder her&#8230;</p>
<p>Mit jener grässlich hässlich aus dem TV grinsenden Realität des kommenden Wahlsonntags wollen wir uns freilich noch nicht so recht auseinandersetzen. So sehr wir uns vielleicht wünschen, dass die Liberalen &#8220;reinkommen&#8221; und die Grünen &#8220;zulegen&#8221;, selbst wenn es so kommt und beides klappt, wird ebenso sicher beides nicht das entscheidende Ereignis des kommenden Sonntags werden. Kommenden Sonntag steigen gemäss allen Umfragen in Österreich zwei ehemalige Grossparteien zu Mittelparteien ab, wohingegen ein nach mehreren Abspaltungen vom nach dem grossen braunen Krieg gebildeten Sammelbecken österreichischer &#8220;Parteimitglieder&#8221; übergebliebener Haufen mehr oder weniger offen rechtsradikaler Angehöriger der &#8220;Kinder- und Enkelgeneration&#8221; voraussichtlich zu einer Mittelpartei aufsteigt. Zusammen mit dem gegenüber der Strache-FPÖ fast schon wohltuend wirkenden, aber im Grunde nicht viel weniger grässlich hässlichen Haider-BZÖ wird das &#8220;Dritte Lager&#8221; in Österreich zur dritten massiv mitbestimmenden Kraft werden.</p>
<p>Also auf in die &#8220;Dritte Republik&#8221;? Raus aus der EU, wider die Globalisierung, alle Schotten dicht: Asylbetrug heisst Heimatflug. Wen wir nicht gleich loswerden, der kommt vorerst mal ins Ghetto der Sozialversicherung für Ausländer, Juden, Neger, etc. Dann schauen wir weiter.</p>
<p>Niemand wird an ihnen vorbeikommen. Wir stehen wieder dort, wo wir 1999 schon mal waren. Nein, schlimmer. Denn Haider wollte im Grunde vor allem anderen das rot-schwarze &#8220;System&#8221; liquidieren &#8211; und er gründete das BZÖ auch deshalb, weil er mit den krassesten Bierbestellern und Paintballspielern nicht mehr wollte oder konnte&#8230; Und wir stehen somit auch nicht gar so weit weg von dort wo Deutschland 1932 war. Auch wenn man das nicht so wahrhaben will. Und man soll auch gar nicht versuchen, solche Entwicklungen &#8220;verstehen&#8221; zu wollen.</p>
<p>Denn sie finden dann nämlich einfach statt. Erst Schritt für Schritt. Und dann, wenn niemand mehr schreit Ermächtigungsgesetze und geht schon. Wollt ihr den totalen Krieg? Muss &#8220;nur&#8221; eine gröbere Weltwirtschaftskrise dazukommen, muss &#8220;nur&#8221; die Arbeitslosigkeit ein bissl weiter raufgehen, muss &#8220;nur&#8221; die Inflation ein bissl mehr ins galoppieren kommen&#8230; moment Mal&#8230; Weltwirtschaftskrise? Jobverlust? Teuerung? Kommt uns das irgendwie bekannt vor? Aber haben vielleicht wenigstens die Amis ihre Lektion aus dem Blutzoll der Vätergenerationen besser gelernt als wir hochnäsig-naiven Antiamerikaner in Europa? Man könnte ja aktuell fast meinen, es besteht noch Hoffnung jenseits des Atlantik, wenn nun die Erzrepublikaner im Oval Office runde 1000 Milliarden (1.000.000.000.000) Dollar Steuergeld in die Hand nehmen werden, in etwa das Doppelte des gesamten bisherigen Irak Krieg Budgets, um das Gespenst der sich nach dem schwarzen Freitag von 1929 abwärts drehenden Weltwirschaftsspirale mit grobem Beil gleich beim ersten Vorbeihuschen zu köpfen&#8230; sie wissen offenbar, warum sie lieber jetzt gleich zahlen sollten.</p>
<p>Wenn sich die Geschichte wiederholt, was wir alle nicht hoffen, daher sagen wir besser so: wenn die Wiederholbarkeit der Geschichte an die Tür klopft, dann werden wir alle wieder daran erinnert, dass Politik tatsächlich vor allem anderen eines ist: brandgefährlich. Es ist die süsseste Verlockung des politischen Menschen, des von gesellschaftlichem Aufbruch verzückbaren Demokraten, dass er sich ausmalt, was alles mögliche wäre mit dieser demokratisch legitimierten Allmacht, wenn man nur, ja, wenn man &#8220;nur&#8221; eine Mehrheit der Dumpfbacken von all dem Guten, Edlen, Schönen, was man sich da so erträumt, überzeugen könnte&#8230;</p>
<p>Aber nix da. Schon Winston Churchill wusste bekanntlich zu witzeln, dass Demokratie eigentlich &#8220;die schlechteste aller Regierungsformen&#8221; sei, wir nur eben keine bessere kennen. Und Karl Popper hat das in seiner &#8220;Offenen Gesellschaft&#8221; systematisch beschrieben: das Beste, das wir uns von der (von ihm vehement vertretenen) Demokratie erwarten dürfen, sei nicht etwa, dass hier richtige oder gute Entscheidungen fallen, sondern lediglich, dass ganz krasse Fehlentwicklungen, solche die wirklich förmlich für jeden augenfällig werden &#8220;unblutig beendet&#8221; werden könnten. Dass es eine institutionalisierte Chance drauf gibt, Änderungen des offenkundig Falschen ohne jahrzehntelange Knechtschaft, ohne todbringende Revolutionen, ohne Tyrannenmorde herbeiführen zu können. Schon deshalb &#8211; und eigentlich aber auch nur deshalb &#8211; müsse man leidenschaftlicher Demokrat sein. Alles andere sei aber dann eher dem Zufall überlassen &#8211; ich fasse ihn hier sehr frei und aus dem Kopf zusammen &#8211; wobei die in einer Demokratie in normalen Zeiten eher zufällig und grundlos wechselnden Mehrheiten dem grossen Ganzen natürlich so abträglich nicht seien: Viele verschiedene blinde Hühner finden sozusagen manchmal irgendein Korn und die nachfolgenden blinden Hühner machen nicht immer alles was möglicherweise richtig gewesen sein könnte gleich wieder rückgängig&#8230; auch das also ein grosses Plus der Demokratie&#8230; solange es sie eben gibt.</p>
<p>Und obwohl das leider keine Selbstverständlichkeit ist, rufen die vielen, die bei uns scheinbar die einfachsten Lektionen nicht zu lernen imstande sind, nun wieder verstärkt nach dem starken Staat. Und das sind beileibe nicht nur die Ewiggestrigen, nein, gerade auch die aufrechten Demokraten, die Grundguten wollen ihn wieder. Er soll es richten, man muss doch &#8220;nur&#8221;&#8230; genau &#8220;nur&#8221;: daran scheiterts dann.</p>
<p>Ich will ihn nicht. Ich will ihn einschränken, stutzen, denn ich will ihn gerade damit absichern. Ich will starke Menschen-, Grund- und Freiheitsrechte und starke, unabhängige, ja staatliche, Institutionen, die dafür sorgen, dass der Wille der Mehrheit nicht zur Mehrheitswillkür, nicht zur Mehrheitsdiktatur wird. Denn genau das darf eine liberale, auf die Sicherstellung und Wahrung unserer seit ein paar Jahrzehnten &#8220;freien&#8221; Gesellschaften zielende Demokratie niemals sein. Der starke Staat, selbst wenn er uns heute, hier und jetzt wirklich kurzfristig nützen sollte war immer schon die Basis auf der der nächste Tyrann seine Tyrannei aufbauen konnte. Und bei uns in Österreich grinsen sie heute schon aus den Fernsehern. Noch können wir wegzappen.</p>
<p>Es muss grosse Bereiche geben, in die nicht reingepfuscht wird. Von niemandem. Auch nicht von irgendeiner Mehrheit. Das ist für mich die Hauptlektion, die wir lernen müssen. Und die impliziert dann aber auch, dass wir uns vom allzu heftigen Träumen von staatlichen oder superstaatlichen, am grünen Tisch oder Reissbrett entworfenen Lösungen für unsere aktuellen Probleme sukzessive verabschieden müssen. Die mit starken Staaten verbundenen Gefahren sind schlicht zu gross.</p>
<p>Vor allem aber: es wird die ersehnten Reissbrett-Lösungen so ohnehin nicht geben. Was eben nicht heisst, dass es keine Lösungen geben wird. Lösungen entstehen durch Innovation ganz Weniger und massenhafter Nachahmung ganz Vieler. Das ist es, was wir aus der Beobachtung der uns hoffentlich noch lange beherbergenden Natur in erster Linie lernen könnten&#8230; das ist es, worauf wir in erster Linie vertrauen müssen, das ist es, was wir &#8211; so irgendein politisches Huhn mal ein Korn findet &#8211; stärken sollten.</p>
<p>Die <strong>Hoffnung</strong> darauf stirbt dann bekanntlich zuletzt. Auch meine.</p>
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		<title>Mmh.</title>
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		<pubDate>Fri, 06 Jun 2008 16:59:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martin Schimak</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Liberalismus]]></category>
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		<description><![CDATA[liberalinaustria scheint nun nach einer Art Rückzug auf Raten möglicherweise endgültig down und sogar gelöscht worden zu sein&#8230;

schade, wenn ein weiterer Versuch dieses Land mit &#8211; nach meinem Geschmack nicht immer liberalem, aber doch ehrlich liberal-seien-wollendem und jedenfalls interessantem Gedankengut zu konfrontieren, einfach so von der Bildfläche verschwindet. Unter http://liberalweekend.wordpress.com/ finde ich zwar noch ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://liberalinaustria.wordpress.com/">liberalinaustria</a> scheint nun nach einer Art Rückzug auf Raten möglicherweise endgültig down und sogar gelöscht worden zu sein&#8230;</p>
<p><img src="http://static.twoday.net/maschi/images/liberalinaustria-deleted.png" alt="liberalinaustria-deleted" width="357" height="141" /></p>
<p>schade, wenn ein weiterer Versuch dieses Land mit &#8211; nach meinem Geschmack nicht immer liberalem, aber doch ehrlich liberal-seien-wollendem und jedenfalls interessantem Gedankengut zu konfrontieren, einfach so von der Bildfläche verschwindet. Unter <a href="http://liberalweekend.wordpress.com/">http://liberalweekend.wordpress.com/</a> finde ich zwar noch ein nicht mehr ganz taufrisches Fragment, aber das scheint eher ein ungewolltes Überbleibsel zu sein&#8230;</p>
<p>Weiss jemand mehr dazu als ich derzeit extrem Uninformierter?</p>
<p>Ich plädiere jedenfalls mal dafür, den Content im Sinne der Wichtigkeit <a href="http://journalism.nyu.edu/pubzone/weblogs/pressthink/2005/01/07/wldm_perm.html">Waldmanscher Permanenz</a> (Erkenntnis via <a href="http://www.helge.at/2008/02/nicht-zitierfaehig-helge-motzt/">Helge</a>)  unter der alten Adresse online zu lassen.</p>
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		<title>Wir müssen selbständig werden.</title>
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		<pubDate>Mon, 17 Dec 2007 19:19:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martin Schimak</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Damit mir sicher nicht verloren geht, was mir wichtig ist, möchte ich zum 5. Geburtstag meiner &#8220;erstgeborenen&#8221; Tochter einen Text wiederveröffentlichen, der im Juli 2007 bereits einmal auf chorherr.twoday.net erschienen ist:
Jetzt habe ich in einem meiner Blog-Comments hier unlängst also salopp erklärt, dass ich mit einer neuen politischen &#8220;Bewegung&#8221; für das 21. Jh. rechne und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Damit mir sicher nicht verloren geht, was mir wichtig ist, möchte ich zum 5. Geburtstag meiner &#8220;erstgeborenen&#8221; Tochter einen Text wiederveröffentlichen, der im Juli 2007 bereits einmal auf <a href="http://chorherr.twoday.net/stories/4045994">chorherr.twoday.net</a> erschienen ist:</p>
<p>Jetzt habe ich in einem meiner Blog-Comments hier unlängst also salopp erklärt, dass ich mit einer neuen politischen &#8220;Bewegung&#8221; für das 21. Jh. rechne und nun bittet mich Christoph Chorherr dummerweise, das vielleicht ein bisschen genauer zur Diskussion zu stellen. &#8220;Aber zu lang solls auch nicht werden, sonst liests niemand.&#8221; Ganz schön schwierig, einen noch unscharfen Gedanken in aller Kürze zu formulieren, ich versuchs zwar, bin aber eigentlich von vornherein zum Scheitern verurteilt. Es mögen also jene wenigen lesen, die es eben trotzdem interessiert.</p>
<p>Ich mache es mir zunächst einfach und stelle die Gegenfrage: Kann sich denn irgendjemand vorstellen, dass der Politikbetrieb auf ewig so weitergehen kann wie bisher? Wir sind an einem Punkt, an dem viele spüren, dass da mehr nicht passt als man noch mit &#8220;ganz normalem täglichen Wahnsinn&#8221; zusammenfassen könnte. Dabei: dass es &#8220;menschelt&#8221;, dass es kreativ-chaotisch zugeht und dass alle durcheinander rufen, das ist schon in Ordnung so. Auch ist nur natürlich, dass es egoistisch denkende Politiker-Exemplare gibt und andere, die &#8211; ob zu recht oder unrecht, aber doch aufrichtig &#8211; meinen, das &#8220;grosse Ganze&#8221; immer fest im Blick zu haben. Wenn ich also sage, &#8220;so kann es wohl nicht weitergehen&#8221;, dann träume ich sicher nicht von idealisierter Politik für Grosstadt-&#8221;Dibos&#8221; oder eine andere wohlsituierte Gruppe &#8211; denn ein solcher Traum bestünde doch nur darin, mir die Vielfalt wegzuträumen, vielleicht gar mir die anderen Menschen wegzuträumen, um meine eigenen politischen Vorstellungen, ja, diktieren zu können.</p>
<p>Nein, das nicht, eher im Gegenteil: ich träume von einer Politik, die sich die Vielfalt geradezu herbeisehnt, die das &#8220;Thema Vielfalt&#8221; verstanden hat und daher den unschätzbaren Wert von &#8220;Vielfalt an sich&#8221; in all ihr Denken und Planen integriert. Und genau das ist es, woran es nach meiner Ansicht recht grundsätzlich und umfassend mangelt.</p>
<p>Ich bin nun im siebten Jahr als Kleinstunternehmer selbständig in einer durchaus vielfältigen, &#8220;menschelnden&#8221; und oft auch sehr chaotischen Branche unterwegs, in der Softwareentwicklung. Meine Eltern waren Beamte, sind mittlerweile zumindest mit einem Bein im Ruhestand. Ich liebe meine Eltern. &#8220;Trotzdem sie auf beamtete Laufbahnen gesetzt haben&#8221;, hätte ich jetzt fast mit einem Augenzwinkern hinzugefügt. Das war ihre Zeit und es war gut so. Der Zukunftsforscher Matthias Horx charakterisiert ein Stück meiner Zeit, wenn er sagt, dass bis 2050 gegen 40% der Erwerbstätigen wirtschaftlich selbständig agieren werden (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,456163,00.html).</p>
<p>Etlichen meiner angestellten und beamteten Freunde bereitet so ein Gedanke tendentiell Unbehagen. Nun werden wir also alle &#8220;prekarisiert&#8221;! Ich frage: &#8220;Waren wir nicht in der Vergangenheit noch viel mehr Unsicherheiten ausgesetzt als wir es heute selbst unter schlechten Umständen je sein können?&#8221; Achselzucken. Den Schatten unserer industriell geprägten Vergangenheit &#8211; dieses Gefühl der Marginalisierung des Individuums im Grossbetrieb bei gleichzeitiger Abhängigkeit &#8211; den haben wir noch nicht abgeschüttelt. Auch vermuten etliche meiner angestellten und beamteten Freunde unter den Selbständigen die grössten Egoisten, diejenigen also, die mehr vom Kuchen wollen als ihnen zustünde. Ich hingegen habe in meinem langsam wachsenden Netzwerk an selbständigen Freunden und Bekannten mit die besten und &#8220;komplettesten&#8221; Menschen kennengelernt. Menschen, die sich für &#8220;ihr Ding&#8221; vielleicht manchmal selbst ausbeuten, aber sonst sicher niemanden. Ich schliesse für mich: Wer im 21. Jh. auf eigenen Beinen steht lernt anscheinend ganz zwanglos den Wert von Kooperation, Weltoffenheit und, ja, von Humanismus. Aber die Schatten der industriell geprägten Vergangenheit, dieses Mal in Form von Vorbehalten gegenüber einer die Verhältnisse beherrschenden &#8220;Burgeoisie&#8221;, wir haben sie zweifellos noch nicht abgeschüttelt.</p>
<p>Müssen wir nun also alle wirtschaftlich selbständig werden? In Zukunft werden sich wohl immer mehr für diesen (spannenden) Weg entscheiden, aber um die Frage zu beantworten: Nein, das passt schlicht nicht zu jedermann und jederfrau. Das Gute ist doch: &#8220;Wir&#8221; (als Gesellschaft betrachtet) &#8220;müssen&#8221; zunehmend gar nichts mehr. Wir können es uns mittlerweile leisten, zu überlegen, was wir nun eigentlich noch &#8220;wollen&#8221;. Nur eins &#8220;müssen&#8221; wir dafür noch leisten: Wir müssen lernen selbständig zu denken, müssen uns selbst mitsamt allen unseren Wünschen kennenlernen, und dann auch ernst nehmen und danach handeln. In dieser Hinsicht müssen wir alle selbständig werden.</p>
<p>Was aber könnte mehr &#8220;Selbständigkeit&#8221; und mehr &#8220;Vielfalt&#8221; für konkrete politische Fragen bedeuten?</p>
<p>- Eine Demokratiefrage: Wie wir beinah Tag für Tag beobachten können, führt unser repräsentativ-parlamentarisches System in der Praxis zu etwas, das ich &#8220;Vetorecht für Minderheiten&#8221; nenne. Der Koalitionsvertrag geht über alles. Solange Koalitionsparteien nur den Bogen nicht so extrem überspannen, dass der Partner in für ihn vielversprechende Neuwahlen gehen kann, können sie gegen existierende parlamentarische Mehrheiten in Sachfragen ihr &#8220;Vetorecht&#8221; geltend machen. Aber eigentlich ist dieses Phänomen auch nur ein Teilaspekt eines Systems, das die Festschreibung von geblockten Mehrheiten über vier oder in Zukunft gar fünf Jahre zum alleinigen Mittel demokratischer Willensbildung auserkoren hat. Warum dies in einer vielfältiger gewordenen Gesellschaft nicht mehr funktioniert, darüber müsste man wohl eine eigene Diskussion führen, ich möchte nur den offensichtlichen &#8220;Selbständigkeits&#8221;-Aspekt herausgreifen: Moderne, selbständig denkende Menschen pflegen nicht mehr mit drei Kreuzen zu unterschreiben und können auch ihre politischen Wünsche differenzierter zum Ausdruck bringen als durch Anbringung eines Kreuzes auf einem Blatt Papier. Das hiesse wohl: ab und an auch direkt über die Sachfrage entscheiden. Zumindest dann, wenn sie wichtig genug ist oder die Politiker selbst einer guten Lösung im Wege stehen, wie das zB im Bereich von Transparenzregeln für Parteienfinanzierung ganz sicher der Fall ist. Dafür braucht die Bevölkerung das Recht, Volksabstimmungen zu erzwingen. Mehr direkte Demokratie ist dabei sicher kein &#8220;Allheilmittel&#8221;, würde aber die verkrusteten Strukturen einigermassen aufmischen, und jedenfalls das Interesse an Politik und die Informiertheit über Sachfragen erhöhen.</p>
<p>- Eine Alltagsfrage: Wir denken über ein kostenloses Kindergartenjahr oder ein Vorschuljahr nach. Wenn das die Chancen unserer Kinder fördert, zu selbständigen, vielfältig kreativen Individuen heranzuwachsen: wunderbar. Worüber wir aber im selben Atemzug viel zu wenig nachdenken: wie sorgen wir dafür, dass vorhandene Vielfalt dadurch nicht unter Druck kommt: Private Kindergartenangebote werden nur dann eine Chance haben, neben öffentlichen Gratiskindergärten zu bestehen, wenn das Förderungssystem alle in vollkommen fairer und transparenter Weise miteinbezieht und derart Vielfalt bewusst vermehren will. Öffentliche Kindergärten gratis zu machen, wird sicher zuwenig sein. Aber auch den öffentlichen Zuschuss zum Kindergartengeld beim Besuch eines Privatkindergartens direkt auszuzahlen (wie das schon heute geschieht), daneben aber öffentliche Kindergärten durch die Hintertür zusätzlich zu subventionieren, wird zu wenig sein! Übrigens: meine Frau und ich müssen für unsere Kinder schon deshalb auf einen Privatkindergarten zurückgreifen, weil sich die öffentlichen Kindergärten mit ihren Öffnungszeiten derzeit weitgehend als Betriebskindergärten für VolksschullehrerInnen positionieren. Wäre das System auf Vielfalt und nicht auf Vereinheitlichung ausgerichtet, unser individueller Kindergartenbedarf wäre längst als Marktnische erkannt und abgedeckt worden.</p>
<p>- Und eine Zukunftsfrage: Der Klimawandel beschäftigt uns. Wir müssen Energie sparen. Einer von einer ganzen Reihe an vielversprechenden Wegen dorthin führt über Investitionen in Passivhausbau. Wir sollten also Passivhausbau massiv fördern oder vielleicht sogar zumindest für Neubauten verpflichtend vorschreiben. Moment mal. Ist das denn wirklich der richtige Weg? Die Rede ist von massiven Investitionen&#8230; gibt es vielleicht alternative Investitionsmöglichkeiten, mit denen wir in noch kürzerer Zeit noch mehr erreichen als durch Passivhausbau? Und wie energiesparend genau sollen wir die Häuser nun idealerweise bauen&#8230; unsere Mittel sind begrenzt&#8230; Das ist genau die Art von Frage, die sich an keinem grünen Tisch der Welt entscheiden lässt &#8211; für das Auffinden der erfolgversprechendsten Investitionsmöglichkeiten brauchen wir einen bunten Markt an Ideen. Diesen Ideenmarkt erwürgen wir geradezu, wenn wir einen einzelnen Weg zum Ziel politisch vorschreiben &#8211; auch wenn er uns noch so plausibel erscheint. Wir beflügeln diesen Ideenmarkt, wenn wir dafür sorgen, dass das eigentliche Übel (in diesem Fall die Emission von CO2) einen dynamischen Preis erhält. Dieser ist immer genau so hoch, dass wir uns nur jenen Verbrauch, den wir uns politisch leisten wollen, auch praktisch leisten können&#8230; die wirklich effizientesten Sparmethoden findet der Ideenmarkt dann ganz allein. Aber nochmal Moment: Ist es denn so sicher, dass wir nun auf ewig Energie sparen müssen, weil eben die Ressourcen zur Neige gehen? Ist es denn völlig ausgeschlossen, dass wir schon morgen völlig neue Methoden der Energienutzbarmachung finden, mit denen sich selbst hartgesottenste Ökoromantiker anfreunden können? Ich glaube, es ist nur dann ausgeschlossen, wenn wir den Glauben an diese Möglichkeit schon verloren haben. Vielleicht wäre also die massive Investition in weitere Energieforschung neben der Durchsetzung von Kostenwahrheit die beste aller denkbaren politischen Massnahmen in diesem Bereich.</p>
<p>Nun schon fast zum Abschluss: Unterscheiden sich solche Positionen eigentlich vom &#8220;klassischen Liberalismus&#8221;? Der klassische Liberale hat meist ein blindes Auge: Hätte er das Auge noch, dann würde er sehen, dass uns formale Freiheit allein real nichts nützt. Der einzelne Mensch ist ein biologisch und eigentlich ganz generell schwächliches Wesen. Er braucht menschliche Gesellschaft um sich herum, die ihm die volle Entfaltung seiner Fähigkeiten erst ermöglicht &#8211; und diese Gesellschaft will organisiert sein. Mit seinem sehenden Auge aber sieht der klassische Liberale dann genau diesen allgegenwärtig unsere Gesellschaft organisierenden Staat: dieser nimmt uns unsere materiellen Mittel auf der einen Seite weg und versucht uns mit genau diesen Mitteln auf der anderen Seite zu umgarnen &#8211; selbstredend immer abzüglich der Verwaltungsgebühr. Der Staat nimmt uns damit unser gerade gewonnenes Stück Freiheit gleich wieder und verunmöglicht im Effekt die angestrebte Entfaltung des Individuums in der Gesellschaft. Diese klassisch liberale Sicht ist wichtig und verdient es, im Hinterkopf stets präsent gehalten zu werden. Sie ist aber eben eine einäugige Sicht und vor allem: sie verleitet dazu das Kind mit dem Bade auszuschütten, die Existenz &#8220;öffentlicher Anliegen&#8221; als solche zu negieren, das &#8220;Gemeinwesen&#8221; zu diskreditieren. Skepsis gegenüber dem Staat als &#8220;grossem Vereinheitlicher&#8221; ist angebracht, Diskreditierung ist fehl am Platz. Wir haben massive gemeinsame, &#8220;öffentliche&#8221; Interessen. Neben vielem anderen zum Beispiel auch das Interesse, Selbständigkeit und Vielfalt zu fördern und abzusichern!</p>
<p>Wenn ich mir aber nun beispielhaft wieder die österreichische politische Landschaft vergegenwärtige und an SPÖ, ÖVP und, ja, auch an euch Grüne denke (habe ich sonst jemand vergessen?), dann sehe ich leider keine Vielfalts- und Selbständigkeitsförderer, sondern ich sehe die Vereinheitlicher am Werk: ob Einheits-Lohnrunde, Einheits-Kleinfamilie oder Einheits-Nichtraucherlokale: es muss ja nicht unbedingt etwas Schlechtes dran sein, seine eigenen Vorstellungen einheitlich vorschreiben zu wollen, lediglich: es muss verdammt gute Gründe dafür geben. Um jede Vorschrift muss intensiv gestritten werden, denn das Mittel &#8220;Vorschrift&#8221; bringt selbst jede Menge Probleme mit sich. Eine grosse, gesunde Portion Skepsis ist angebracht, bevor man im 21. Jh. noch &#8220;Ja&#8221; sagt zur Vorschrift, zur Normierung, zur Vereinheitlichung. Vereinheitlichung ist ein Konzept des Industriezeitalters. Vereinheitlichung vermindert die Möglichkeiten, vielfältige Alternativkonzepte praktisch vorzuleben. Genau das ist es aber, wovon wir mehr brauchen um letztlich mit der Lösung unserer Probleme voranzukommen.</p>
<p>Auf das grösste Ausmass an Verständnis stosse ich mit solchen Gedanken unter meinen selbständigen Freunden und Bekannten. Stelle ich mir dann kurz vor, wir wären schon heute 40% und zähle ich zu diesen ganz salopp noch jene 40% dazu, die sich in Zukunft in aller Selbständigkeit gegen die (wirtschaftliche) Selbständigkeit entscheiden werden, dann ist das für mich Grund genug, eine neue &#8220;Bewegung&#8221; zu antizipieren. Diese Bewegung wird keinesfalls eine &#8220;unpolitische&#8221;, aber in gewisser Hinsicht vielleicht eine &#8220;antipolitische&#8221;: Sie wird das Tor zu immer grösserer Vielfalt weit aufmachen und vor allem verstehen, dass wir die Problemlösungen von morgen noch nicht kennen, dass wir daher auch nicht so ohne weiters unsere heutigen Lösungen oktruieren dürfen. Sondern dass wir durch Ausprobieren, Verwerfen, Vorzeigen, Beispiel nehmen laufend weiterlernen müssen. Um morgen dann &#8211; vielleicht! &#8211; wirklich einen Schritt weiter zu sein.</p>
<p>&#8211;</p>
<p>Mit einem besonderen Dankeschön an Wolf Lotter, einen der Mitbegründer von brand eins, dessen Lektüre mir dabei geholfen hat, Gedanken die ich wohl schon immer hatte heute um einiges besser formulieren zu können.</p>
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