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Sauerstoff, Zucker, Liebe, Arbeit, Mord.

4. Juli 2009

Gestern abend habe ich dem Sommer Open Air Kino wie noch nie des Filmarchivs Austria am Wiener Augartenspitz einen ersten Besuch abgestattet.

Kino wie noch nie

Filmarchiv

Die Atmosphäre des Kinos ist für einen urbanen Ort durch fast schon kitschig idyllische Naturromantik geprägt: inmitten verwachsener Bäume ein angenehm dimensioniertes nach Wald duftendes Freiluftkino (unbedingt nach einem ordentlichen Sommergewitter hingehen). Beim Eintritt bekommt man gut dimensionierte Decken – für den Fall der Fälle – und auf jedem Platz liegt eine kleine Tafel Begrüssungsschokolade. Da das Kino nicht voll war konnte man alsbald auch die Nachbarschokoladen “stiebitzen”. Ausgestattet mit Unmengen an sommerabendlich warmer, sauerstoffreicher Luft und kleinen Mengen Zucker war es also kein Problem dem überlangen Streifen hochkonzentriert zu folgen – immer voll bei der Sache.

Der überlange Streifen: Lars von Triers Dancer in the Dark mit Björk in der Hauptrolle, nein, vollständig verwachsen und eigentlich ident mit ihr, und Catherine Deneuve in der wichtigsten Nebenrolle. Ich kannte diesen aus dem Jahr 2000 stammenden und vielfach ausgezeichneten Film – unter anderem mit der Goldenen Palme von Cannes – noch gar nicht. Und so unvorbereitet und arglos ich hineinging, so wuchtig und aufwühlend schlug er dann eben auch ein.

Die Handlung kann man nachlesen, aber keine Nacherzählung kann diesem filmischen wie musikalischen Kunstwerk annäherend gerecht werden. Ich möchte auch nur einen szenischen Aspekt herausgreifen und dann versuchen sowas wie ein Fazit oder eine kleine “Lehre” für mich zu ziehen. Man darf weiterlesen, ohne die Handlung vollständig verraten zu bekommen.

Björk und Catherine Deneuve in "Dancer in the Dark"

Das Leben der hochmusikalischen, hocheinfühlsamen Blechfabriksarbeiterin Selma dreht sich, vor genauso wie nach dem tiefen Einschnitt, dem es ausgesetzt wird, um die Liebe zu ihrem einzigen Sohn. Ihm möchte sie durch jahrelanges, eisernes Sparen eine teure Operation finanzieren. Er soll damit ihrem eigenen Schicksal einer genetisch bedingten Erblindung in der Mitte des Lebens durch einen rechtzeitigen Eingriff entrinnen. Ihm war daher auch schon die Auswanderung aus der damaligen Tschechoslowakei in die Vereinigten Staaten von Amerika gewidmet, dem Land, in dem eine solche Operation medizinisch möglich schien. Warum und wie diese ihre aufopfernde Konsequenz mit der immer heiteren und vollständig im Hier und Jetzt verwurzelten Selma vereinbar ist kann man nur fühlen, wenn man den Film sieht.

Der folgende zentrale Einschnitt in Selmas Leben stellt nun zwar einen massiven Wendepunkt der äusseren Ereignisse dar, nicht jedoch einen Wendepunkt in der Konsequenz ihrer Bemühungen rund um den von ihr selbst definierten und oben beschriebenen Sinn ihres eigenen Daseins.

Selma tötet ihren Vermieter, den lokalen Sheriff. Diese bar jeder Gewaltlüsternheit und dennoch knallhart direkt abgefilmte, ganz und gar detailliert realistische, wie gleichzeitig in ihrer Genese völlig absurde Szene gehört wohl mit zum Schockierendsten, das ich jemals auf einer Leinwand gesehen habe. Schockierend nur teilweise wegen der zu sehenden Gewalt, sondern vor allem auch deshalb, weil die nunmehr bereits erblindete Selma, die mit dem Sheriff um das von diesem ihr zuvor entwendete Ersparte kämpft durch eine Abfolge an kleinen Ereignissen und Wendungen in eine Tathandlung hineingezogen wird, die juristisch eine nahezu unentwirrbare Kombination aus Notwehr, Unfall, Tötung auf Verlangen, Totschlag und Mord darstellt. Schockierend auch deshalb, weil man als Zuschauer vollständig Selma ist und sich mit ihr gemeinsam dem Sog eines letztlich unvermeidlich nachvollziehbaren, nicht nur mitgefühlten, sondern bis zu einem gewissen Grad auch mitgewollten Tötungsvorgangs kaum entziehen kann. Schockierend schlussendlich, weil man nach dem Betrachten der Szene bereits weiß, dass sich die Komplexität des eigentlichen Geschehens für die nicht unmittelbar beteiligte Aussenwelt geradezu unentrinnbar als vielleicht sogar relativ ordinärer Raubmord darstellen wird müssen.

Björk als Selma Jezkova

Es gibt in diesem Film nichts individualisierbar zutiefst “Böses”, nur zutiefst Gescheitertes. In ihrem Scheitern vorgeführt sind nicht nur einzelne Individuen, ist nicht nur der Glaube an die Sinnhaftigkeit der Todesstrafe, sondern letztlich auch eine Gesellschaft, die sich nahezu ausschliesslich auf privat organisierte Netze für das Scheitern des Einzelnen verlässt. Das so notwendige wie wünschenswerte Amalgam privater, sozialer Beziehungen bestehend aus den Möglichkeiten gegenseitiger Leistungen und des Geldes, aber genauso auch menschlicher Freundschaft, Zusammengehörigkeit und gegenseitigem Mitgefühl reicht am Ende nicht um Selma und ihren Sohn zu retten.

All das findet statt inmitten einer Szenerie von Menschen, die im besten altruistischen wie gesund-egoistischen Sinn “ganze” Menschen sind, amerikanische Bürger, die hochaktiv und verständig ihr Glück im Hier und Jetzt verfolgen, ohne per se Ansprüche an Andere zu stellen oder Anderen im Weg stehen zu wollen.

Heute Nacht.

4. November 2008

Heute Nacht wird Geschichte geschrieben.

Man schreckt instinktiv davor zurück, zu solch “pathetischer” und mit hoher Wahrscheinlichkeit überzogener Wortwahl zu greifen. Man sollte sowas auch eigentlich überhaupt nicht – oder wenn dann wirklich nur ganz, ganz selten tun. Doch man sollte auch nicht anstehen, solche Worte auszusprechen bzw. niederzuschreiben, wenn man tatsächlich den Eindruck hat, dass die Möglichkeit einer Zeitenwende historischer Dimension förmlich zu greifen ist.

Und ich möchte daran glauben und sage daher auch einfach mal, ich glaube daran: der 4. November 2008 hat das Potential als markantes symbolisches Wendedatum in die Geschichte des frühen 21. Jahrhunderts einzugehen. Wenn man acht Jahre nach der Wahl 2000 ohne jeden Zweifel analysieren kann, dass die Welt heute anders – und ja: besser – aussähe, wäre damals Al Gore zum US Präsidenten gewählt worden – dann hat sich die Wahrscheinlichkeit dafür, heute eine mindest ebenso historische Entscheidung zu erleben nach eben diesen acht Jahren George Bush ebenso ohne jeden Zweifel nocheinmal dramatisch erhöht.

Barack_Michelle

Obama, und ich möchte daran glauben und sage daher auch einfach nochmal, ich glaube auch daran, er wird morgen früh der gewählte 44. US-Präsident sein, wird es zweifellos sehr schwer haben, auch nur einen Teil der Hoffnungen, die in ihn gesetzt werden, zu erfüllen. Aber er kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Und er ist die Art von Persönlichkeit, die ein Gespür für den “richtigen Augenblick” hat: er weiss um “seine” Chance.

Amerika erwartet einen Präsidenten, der dem Land seinen Traum wieder zurückgibt. Dazu wird es notwendig werden, eine Aufräumarbeit zu leisten, die jener der Aufarbeitung der aus grundrechtlicher Sicht ebenfalls sehr schwarzen “McCarthy Ära” in nichts nachstehen wird. Die nicht zur Mitabstimmung berechtigte “restliche Welt” aber wartet heute auf eine Persönlichkeit, die für ausgewogene politische Werte steht und das Potential hat, zu einigen mehr als wichtigen globalen Weichenstellungen in den Bereichen Armut, Entwicklung, Umwelt zu inspirieren.

Dear americans, it really was fucking difficult with you, lately. Today you have the chance that we just start all over again, ok? So please: don’t mess it up.

Barack…

26. Juni 2008

…das wars dann wohl mit uns beiden. Da ist bei mir Schluss mit lustig. Raus aus meiner Wohnung, ich will Dich hier nie wieder sehen.

http://derstandard.at/?url=/?id=3392259

(via cc)

How Would Jesus Vote?

26. Februar 2008

Sie wollens definitiv wissen heuer, die US-Demokraten: “How Would Jesus Vote?” fragt die Washington Post und hat auch eine evangelikale Antwort zur Hand.

Liberal, of course.

I’m tired of being afraid.

4. Februar 2008

Ich fürchte mich nicht, und sage mal bevor wir das Ergebnis des morgigen Super Tuesdays kennen, wen ich mir als nächste starke Frau der Vereinigten Staaten von Amerika wünschen würde.

Sorry, Hillary, I salute you, but I’m afraid, I’d vote for her:


(Video auf YouTube)

Soviel politisches Feingefühl, soviel rhetorisches Talent, soviel gesundes Selbstbewusstsein hat man offenbar einfach in den “Staaten” – selbst wenn man nicht kandidiert. Ich weiss, ich weiss: es wäre genial, die erste Frau wirklich im Amt der Präsidentin zu sehen, und nicht bloss an der Seite des Präsidenten.

Und für den Fall, dass ich morgen abend kurzfristig enttäuscht sein sollte, halte ich es hier ja mit Robert Misik, der unlängst zu Clinton vs. Obama gemeint hat: er würde beide nehmen, und zwar mit Handkuss.

Update: Tom Schaffers Sicht auf die “Change-Granate” Obama.